Weber, Freischütz - Der tiefe Klang

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Weber, Freischütz

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Weber, Der Freischütz
Staatsoper Stuttgart 1981, 146 Minuten
mit Caterina Ligendza (Agathe), Raili Viljakainen (Ännchen), Toni Krämer (Max), Wolfgang Probst (Kaspar), Fritz Linke (Kuno), Wolfgang Schöne (Ottokar), Roland Bracht (Eremit)
Dirigent Dennis Russell Davies
Inszenierung Achim Freyer

4.7.2004. Endlich ist er auf DVD erschienen - Achim Freyers legendärer, bewundernswerter Freischütz und dessen irrwitzige Fülle von Details. Allein die Gestaltung der vielfarbigen, knallbunten, bis ins Detail ausgefeilten und differenzierten Trachtenkostüme wäre eine eigene Abhandlung wert. Dazu kommt eine machtvolle Symbol- und Zeichensprache.
Die Solisten sind allesamt qualitativ sehr hoch anzusiedeln. Allen voran der unvergessene Wagnerstar, die Sopranistin Caterina Ligendza in einem ihrer seltenen Videos, mit leuchtender, hallender, außerordentlich kraftvoller Stimme. Als unbeschwerten Kontrast hört man lieblich zwitschernd Raili Viljakainen (Ännchen). Toni Krämer (Max) gelingen heftige, melancholisch abgetönte Spitzentöne. Genauso hörenswert sind auch alle anderen. Wolfgang Probsts schwarzer, klarer Bass (Kaspar). Dazu auf gleichem vokalen Rang, sehr textverständlich, die belcantistisch dahinflutenden Einlagen von Wolfgang Schöne (Ottokar) und die machtvollen, von Posaunen untermalten Ansprachen des Eremiten von Roland Bracht.
Nur das Orchester spielt unter Dennis Russell Davies etwas grob und krachledern. Er findet keinen Zugang zu Webers Klangsprache. Viele herzbewegende, innige, romantische Zwischentöne gehen still und grußlos unter.
Zu Beginn der Ouvertüre leuchtet hoch in der Mitte des Bühnenhintergrunds ein vielfarbiger Regenbogen, das Zeichen der Hoffnung nach dem Sturm. Anschließend erscheint, von Sonnenstrahlen umgeben, das „Auge Gottes“, ein altes religiöses Symbol, das während der gesamten Aufführung über dem Bühnengeschehen sichtbar ist und schon von Anfang an vorausdeutet, auf den wundersamen Schlußauftritt des rettenden Eremiten.
Das Szenenbild besteht aus großen naiven Landschaftsbildern, mit einem Gebirgspanorama und einem roten Abendhimmel, wie deftige alpenländische Bauernmalerei. Auf dem Dorfplatz sieht man einen girlandengeschmückten Maibaum. Auch in der stillen Försterstube bleibt der gleiche postkartenbunte Hintergrund. Ännchen hängt dort Bilder in die gemalte Landschaft, nur die Möblierung ist dabei ganz verschwunden. Agathe singt die „fromme Weise“ tatsächlich am offenen Fenster, zu einem sternenübersäten Nachthimmel hinauf. Bei dem melancholischen Lied „Und ob die Wolke sie verhülle“ sieht man überall große Vasen mit üppigen Sommerblumen. Alles wirkt ein wenig irreal, versponnen, auf der Grenze zwischen halbem Wachsein und tiefem Traum.
In der Wolfsschluchtszene hängen allerlei surrealistische Gegenstände in der Luft, rötliche Füße und Hände, ein Schlangenkopf. Dann öffnen sich zwei Bodenluken. Spukhafte Gestalten steigen heraus, wie aus den grotesken Bildern von Hieronymus Bosch. Die bekannte Schreckensfratze („Der Schrei“) des Malers Edvard Munch irrt umher, außerdem ein riesiger Schmetterling. Dann wackeln die Wände, Fenster und Türen klappern. Der Höllenfürst Samiel ist von Kopf bis Fuß pechschwarz, mit einem feuerroten Umhang und zwei roten Handschuhen, die auch zwischendurch immer mal wieder bedrohlich aus der Kulisse ragen.
Die detailreichen Trachten nach „Tölzer Art“ sind launig verfremdet, zum Beispiel trägt der böse Kaspar eine knallgelbe Kniebundhose. Der unglückliche Max ist kalkweiß geschminkt. Die Damen in ihren langen Dirndl-Kleidern haben große rote Flecken auf den Wangen oder blaugemalte Augen. Die Gesichter der Herren sind dreckverschmiert. Die groben Kontrapunkte lassen die scheinbar naive Idylle recht irreal erschienen. Achim Freyers souveräne Bildersprache erinnert auf ganz eigene, unnachahmliche Weise an die Traumwelten Salvador Dalis. Und er erzeugt eine rätselhafte und geheimnisvolle Wirkung, als ob hinter den grellen Oberflächenbildern sich eine ganz andere, unheimliche, alptraumhafte Welt verbirgt.
Das ganze ist vordergründig wie eine große Spielzeugschachtel, so übertrieben quietschbunt und bonbonfarben, dass es schon wieder faszinierend ist. Doch als Kontrast zum folkloristischen Gewimmel setzt Achim Freyer starke Symbole und Zeichen, streng stilisierte Posen und eine eindringliche Gebärdensprache. Ihm gelang es schon damals, vor 23 Jahren, einerseits ein musikdramatisches Meisterwerk in seiner unverwechselbaren Eigenart zu respektieren, andererseits sich schräge, aufbrausende surrealistische Einfälle zu leisten, ohne die Vorlage in geringster Weise zu beschädigen oder zu zerstören.


 
 
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