Puccini, Il Trittico - Der tiefe Klang

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Puccini, Il Trittico

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Puccini, Il Trittico
mit Renata Tebaldi, Giulietta Simionato, Mario del Monaco, Fernando Corena
Chor und Orchester des Maggio Musicale Fiorentino
Dirigent Lamberto Gardelli, 1962
3 CDs, 156 Minuten

13.8.2006. Puccinis vorletztes Werk, uraufgeführt am 14.12.1918 in New York, erlebt man hier als eindringliche, faszinierende Muster-Einspielung.
Die Stereo-Technik von 1962 ist bereits ausgereift und vermittelt ein subtiles, geräumiges Klangbild. Der Dirigent Lamberto Gardelli sorgt für eine dichte, poetische Atmosphäre, in der die Musik frei atmen und schwelgen kann.
Die historischen Schauplätze der drei Dramen entfernen sich immer mehr in eine ferne Vergangenheit. Puccini findet für jedes Einzeldrama eine eigene, unverwechselbare Klangfarbe. Die Atmosphäre entwickelt sich von einem finsteren Eifersuchtsdrama zur täuschenden Geborgenheit in einem weltabgewandten Kloster, bis zum falschen Gelächter einer habgierigen Familiensippe.
Teil 1: Paris 1910. Teil 2: Ein Kloster, um 1700. Teil 3: Florenz 1299.

Il Tabarro (Der Mantel)
mit Renata Tebaldi (Giorgetta), Mario del Monaco (Luigi), Robert Merrill (Michele)

Schon das geisterhafte Vorspiel schafft eine Atmosphäre des düster Gespenstischen. „Der Mantel“ ist der hoffnungslose, finster-schwarze Beginn der Trilogie. Im Zentrum steht Luigis bittere Klage, „Hai bene ragione“ („Du hast recht - denk lieber nicht nach. Kopf runter. Und beuge den Rücken. Für uns ist das Leben nichts mehr wert.“). Mario del Monaco singt das mit schmerzhafter Intensität, damals im Vollbesitz seiner kraftvollen Stimme.
Nach diesem Ausbruch schwarzer Verzweiflung geht es genauso immer weiter, mit vergeblichen Hoffnungen und zerstörten Träumen. Und alles endet in Eifersucht, Mord und Totschlag, von der Musik in schwarze Klänge getaucht.
Eine heruntergekommene Hafengegend in Paris. Arme Leute. Ein beliebiger Tag, der allmählich übergeht in die Nacht. Die Sänger gestalten ihre Rollen vehement und dramatisch, mit angemessener, auftrumpfender Ruppigkeit und den vielen Zwischentönen der Hoffnungslosigkeit. Im dramatischen Auftakt der Trilogie ist rundum alles gut gelungen.

Suor Angelica (Schwester Angelica)
mit Renata Tebaldi (Angelica), Giulietta Simionato (Fürstin), Lucia Danieli (Äbtissin)

Hinter den hohen Klostermauern, in einer Atmosphäre der weltenfernen Meditation leben die Frauen außerhalb der realen Alltagseinflüsse.
Die Musik ist zunächst idyllisch und fließt harmonisch dahin, charakterisiert kunstvoll die einzelnen Frauengestalten. Doch mit dem Auftritt der rücksichtslosen, habgierigen Fürstin dringt die nüchterne, materiell fixierte Wirklichkeit unbarmherzig ein. Die Tragödie beginnt, zunächst mit eiskalten Drohungen. Am Ende folgt Angelicas Selbstmord, und alles verklingt mit dem sphärenhaften Gesang von Engelschören.
Ein Triptychon sind drei zusammengehörende Bildtafeln, bei denen der Mittelteil den wichtigsten Platz einnimmt. Hier ist es ein Ausdruck auswegloser existenzieller Verzweiflung. Selbst hinter den hohen Klostermauern, in der Abwendung von der Außenwelt gibt es keine Hoffnung.
Das vielstimmige Ensemble besteht nur aus Frauen, die Stimmen sind wirkungsvoll aufeinander abgestimmt. Die verzehrenden Klagelaute, die aufbegehrenden Schreie, die still dahinfließenden Gesänge fügen sich zu einer großen Einheit zusammen. Vor allem die sphärenhaft meditierende Renata Tebaldi hat hier ein faszinierendes Dokument ihrer Kunst hinterlassen.

Gianni Schicchi
mit Renata Tebaldi (Lauretta), Fernando Corena (Schicchi), Agostino Lazzari (Rinuccio)

Die Puccini-Trilogie endet ähnlich wie Verdis Spätwerk Falstaff (25 Jahre vorher), mit einer deftigen, jedoch zynischen Komödie. Die stets zeitlosen Gemeinheiten der Heuchelei, Raffgier, Erbschleicherei verkleiden sich hier in bunten historischen Renaissance-Kostümen.
Musikalisch ist das ein aufgeregtes, vielstimmiges Gewisper und orchestrales Geschnatter. Nach all dem Unglück und Elend der beiden vorherigen, pechschwarzen Einakter will Puccini das Publikum zum Schluß mit einem heiteren Lächeln entlassen.
Das Ensemble entflammt zwar immer wieder mit temperamentvollem Witz, aber es gibt auch musikalisch zähe, knatternde Durststrecken. Unüberhörbar ist ein bitterer, resignierter Grundton.
Vollkommen verschenkt wird in dieser Aufnahme die kostbare, halsbrecherische Arie Rinuccios, „Firenze é come un albero fiorito“, durch die überforderte, gepreßte Stimme des Sängers.
„O mio babbino caro“, singt Renata Tebaldi mit leuchtender Kraft. Bei diesem allseits bekannten Lied denkt man allerdings, ganz unvermeidlich, auch an ihre mächtigen Konkurrentinnen, in erster Linie an Maria Callas.
Zum Schluß gibt es noch ein paar rasche Augenblicke mit dahingetuschter Romantik. Das glückliche Liebespaar umarmt sich, und der Schalk Gianni Schicchi bittet um Verständnis. Ende gut, alles gut?

Zusammenfassung:
Manon Lescaut, La Bohème, Tosca, Butterfly - im Zentrum von Puccinis berühmtesten Werken standen tragische Frauengestalten, deren Schicksal er mit leidenschaftlichen, hoch emotionalen Klängen gestaltete. Er versuchte später noch einmal, zum letztenmal den Aufbruch in das exotische Land fernöstlicher Träume, mit seinem unvollendeten Fragment der Turandot.
Doch vorher hat er mit dem knallhart realistischen, radikalen Triptychon bereits eine bittere persönliche Bilanz hinterlassen, desillusioniert, ohne jede Hoffnung. Im „Trittico“, seinem vorletztem Meisterstück, schuf er eine große existenzielle Klage über die Sinnlosigkeit des menschlichen Lebens - an allen Orten, in allen Facetten, ob im trostlosen Hafen, im einsamen Kloster oder beim giftigen Erbstreit der gierigen Verwandtschaft.
Diese eindrucksvolle, sehr preiswerte Gesamtaufnahme mit Renata Tebaldi ist eine gute Möglichkeit, dieses faszinierende Stück gründlich kennenzulernen.



 
 
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