Poulenc, Dialogies des Carmélites - Der tiefe Klang

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Poulenc, Dialogies des Carmélites

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Francis Poulenc (1899-1963), Dialogues des Carmélites
Opéra National du Rhin, Strasbourg 1999
Dirigent: Jan Latham-Koenig
Regie: Marthe Keller
mit Anne-Sophie Schmidt (Blanche de la Force), Nadine Denize (Madame de Croissy), Patricia Petibon (Constance), Hedwig Fassbender (Mère Marie de l’ Incarnation), Didier Henry (Marquis de la Force), Laurence Dale (Chevalier de la Force)

5.12.2004. Zum 100. Geburtstag von Francis Poulenc entstand diese eindrucksvolle Aufführung, deren exemplarischer Charakter durch die DVD-Aufzeichnung festgehalten wird, für alle Zeiten.
Die wellenartig dahinfließende, hoch emotionale Musik ähnelt auf den ersten Blick Debussys Pelléas, ist aber im genaueren Vergleich nicht impressionistisch flimmernd und schillernd, sondern geradlinig und zielstrebig, mit einem Grundton tiefer Melancholie.
Die Handlung spielt in einem Kloster der Karmeliterinnen in Compiègne, mitten im Chaos der Französischen Revolution von 1789. Das war... vor zweihundert Jahren. Eine lange Zeit.
Im Dienst der aggressiven Ideologie von 1789 wurden auch die weltenfernen Nonnen verhaftet und hingerichtet. Die unschuldige Blanche, die zunächst flüchten konnte, geht schließlich freiwillig unter die Guillotine. Der übermächtige Außendruck der entfesselten politischen Realität führt zum Untergang.

Marthe Kellers Inszenierung verzichtet konsequent auf ablenkende, extravagante Einfälle. Die Lichtregie ist zurückhaltend. Im Halbdunkel, im Schatten oder in dezenten Farben entwickelt sich das Drama. Hier gibt es nur ein karges, sparsam reduziertes Bühnbild und ganz schlichte Kostüme. Man verzichtet außerdem auf pathetische Gebärden der Darsteller und öffnet das sichtbare Geschehen voll und ganz für die Musik. Wundervoll dahinfließende Stimmen vereinen sich mit dem elegischen Orchesterklang und den ekstatischen Visionen der einzelnen Gestalten.
Optisch ist es eigentlich eine sehr ärmliche Inszenierung, fast ohne jeden visuellen Glanz. Die schlichte, schmucklose Ausstattung entspricht dem Thema, das sich allen äußerlichen Dingen verweigert. Draußen vor der Klostertür herrscht der politische Terror der historischen Französischen Revolution. Und der reale Aufruhr steht im Kontrast zu einer sehr meditativen, nach innen gewandten Denkweise, die dem aggressiven Treiben auf der Straße sich entzieht und schließlich der abstoßenden Realität keinen Wert mehr zumißt.

Dazu fand Poulenc eine leuchtende, verinnerlichte Musik, deren Rang sich messen kann mit der spirituellen, grenzüberschreitenden, transzendenten Kraft des genialen Johann Sebastian Bach.
Vorlage des Werks war ein Theaterstück von George Bernanos (1888-1948), uraufgeführt in Paris, im Jahr 1952, sieben Jahre nach den apokalyptischen Schrecken des Zweiten Weltkriegs. Der Stoff erschien 1959 auch in den Kinos, als tragischer Spielfilm „Opfergang einer Nonne“ mit Jeanne Moreau. Georges Bernanos engagierte sich in seinen Romanen für religiös-geistige Aspekte, im Kontrast zu materiellen Kategorien.
Francis Poulencs Oper mit ihrer expressiven, hoch emotionalen Klangsprache trifft diesen Ton sehr genau. Viele Details erinnern an Puccinis eindringliches Spätwerk „Suor Angelica.“

Poulencs Oper wurde uraufgeführt am 26. Januar 1957. Das Werk ist keine fünfzig Jahre alt. Von den Jahren her, musikgeschichtlich, ist es eine vergleichsweise moderne Oper. Doch hier gibt es keine künstlichen formalen Experimente, sondern nur ein labyrinthisches musikalisches Geflecht tiefer, schmerzhafter Emotionen. Man hört klagende, raunende, aufleuchtende, kraftvolle Stimmen. Das ist ein Ausnahmewerk, gemessen an vielen anderen, uninteressanten Nichtigkeiten des vergangenen Jahrhunderts.
Das eindringliche Werk verträgt kein überladenes, aufdringliches Bühnenbild und auch keine aktualisierenden inszenatorischen Mätzchen, die von der Musik ablenken. Man kann diese Musik sehr intensiv hören, sogar ganz ohne Bühnenbild und Ausstattung. Mit dem Verzicht auf überflüssige optische Ablenkungen kann man die eigenständigen Klänge frei den Assoziationen überlassen. Es ist ein bewegendes Dokument des menschlichen Geistes.
In dieser geradlinigen, exemplarischen Aufzeichnung aus Straßburg, in den dezenten Bildern dieser Inszenierung gibt es viele zurückhaltende optische Impulse. Sparsame Zeichen, die alles sehr vorsichtig vertiefen. Und das ist genug.


Hier auch eine Aufführung der Münchner Staatsoper.


 
 
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