Operetten - Der tiefe Klang

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Operetten

Unterwegs


Im weißen Rössl
Gärtnerplatztheater
mit Sigrid Hauser (Josepha Vogelhuber), Iva Mihanovic (Ottilie), Daniel Prohaska (Leopold),
Michael von Au (Sigismund), Tilmann Unger (Siedler), Hans Teuscher (Giesecke),
Dirigent: Michael Brandstätter

Bühne und Kostüme: Rainer Sinell
Inszenierung: Josef E. Köpplinger


18.10.2012. Donnerstag. Das Gärtnerplatztheater ist zur Zeit wegen einer aufwändigen Renovierung geschlossen, spielt aber im Ausweichquartier. Das ist ein großes Theaterzelt in Fröttmaning, in Sichtweite des Fußballstadions. Zur Eröffnung der Spielzeit wählte der neue Intendant, der Österreicher Josef E. Köpplinger, eine klassische Operette, die er auch selbst inszenierte.
Und das ist ihm hervorragend gelungen.
Die Regie verzichtet völlig auf Experimente und begeistert mit einer Überfülle von originellen Ideen, die alle aus der Handlung entwickelt sind.
Und so sah das gestern aus:

Das Orchester des Gärtnerplatztheaters war auf gleicher Höhe wie die Bühne platziert und von einem Laufsteg umgeben, der hautnah bis zum Publikum ging und immer wieder für temperamentvolle Auftritte der Sänger genutzt wurde. Die Instrumentalisten trugen lockere schwarze Kleidung, es gab keine weißen Hemden und förmliche Krawatten.
Links saß zusätzlich eine kleine Jazzkapelle mit hellen Strohhüten, dazu ein älterer Herr mit zwei großen Pauken. Rechts war die Stubnmusi: Zither, Gitarre und Solovioline. Dazu ein Schlagzeuger, der auch Kuhglocken läuten ließ.
Diese Zusatz-Ensembles gingen aber fast unhörbar unter, wenn das übrige Orchester voll aufspielte.
Die Sänger trugen unauffällige Mikrofone, so dass auch die Zwischendialoge gut verständlich waren. Allerdings vermischte sich der natürliche Klang mit der Lautsprecherverstärkung. Das war etwas gewöhnungsbedürftig.

Alle Solisten überzeugten mit angenehmen Stimmen und lebhaftem Spiel. Dirigent Michael Brandstätter feuerte kräftig und temperamentvoll den Orchesterschall an. Ein paar leisere Töne gingen ein wenig unter, aber der Gesamteindruck war mitreißend.
Als der Applaus für das hervorragende Ensemble bereits vorbei war, wurde bei geschlossenem Vorhang die vollständige Ouvertüre gespielt. Ein paar Augenblicke, um noch einmal über das Gesehene nachzudenken und die Bilder nachwirken zu lassen.

Das Weisse Rössl kann man auch in kleiner Besetzung bringen. Aber hier wurde die große Theatermaschinerie kräftig in Bewegung gesetzt.
Das großformatige Bühnenbild und die aufwändigen Kostüme von Rainer Sinell verdienen eine besondere Hervorhebung, auch bei den Anklängen an die Berliner Glitzer-Revuen der Zwanziger Jahre.
Allein das reich bebilderte Programmheft ist eine Augenweide.

Die riesige Kitschpostkarte mit dem Bergpanorama, die den ganzen Hintergrund ausfüllte, war immer wieder Schauplatz komödiantischer Einlagen. Die Alpenlandschaft war übervölkert und blitzte doch immer wieder als Naturelement durch.
Ironische Anspielungen auf den Massentourismus und ahnungslose Bergwanderer im Gewittersturm versandeten niemals in abfälligem Spott. Die knallbunte Postkarten-Idylle war bevölkert von irrealen Gestalten. Ein Sommernachtstraum, gerade jetzt im Herbst angenehm anzuschauen, teilweise wie ein lebendig gewordener Zeichentrickfilm. Als ob man auf einer Sommerwiese liegt und den vorbeiziehenden weißen Wolken nachschaut. Ein heiteres, elysisches Gelächter an der Schwelle zum Paradies.

Gewitterregen gab es aus herabschwebenden Gießkannen. Für Belebung sorgte auch eine sparsam eingesetzte, rotierende Disco-Kugel mit vielen Spiegelplättchen. Damit wurde die Illusion eines wandernden nächtlichen Sternenhimmels oder von hunderten roter Liebesherzen erzeugt.
Menschenmassen tobten über die Bühne, verschwanden blitzschnell und tauchten unvermutet wieder auf. Eine messerscharfe, präzise Choreographie lenkte die einfallsreichen Auftritte der Statisten, Tänzer, Chorsänger und sorgte immer wieder für Überraschungen.
Das zügige Tempo fiel nur manchmal in sich zusammen, wenn die gesprochenen Texte zu sehr in die Länge gezogen wurden. Hier hätte man Einiges kürzen können.
An diesem Werk waren mehrere Komponisten beteiligt. Deren andere Bravourstücke hätte man noch mehr einbauen können, und das vielköpfige Orchester müsste nicht so oft tatenlos herumsitzen.

Die Kontraste zwischen Berliner und Wiener Dialekt wurden kräftig auf die Spitze getrieben. Die besserwisserischen Preußen und die schlauen Alpenbewohner ergaben viele Reibeflächen, als Auslöser für allerlei Klamauk.
Immer wieder kam vom Publikum rauschender Zwischenbeifall, was bei einem Singspiel mit Spracheinlagen auch gar nicht störte. Die Besucher trugen gepflegte Alltagskleidung, waren aber nicht unangenehm modisch aufgedonnert.
19.30 bis 22.00 Uhr, mit einer zwanzigminütigen Pause - die Zeit verging wie im Flug.
Hier war ein Zauberer am Werk, dessen Phantasie aus dem Vollen schöpfte und das Publikum in einen seligen Märchentraum versetzte, wie er in Theateraufführungen schon lange nicht mehr selbstverständlich ist.  
Beim Fortgehen schallten aus Lautsprechern selige Walzermelodien. "Im Prater blühn wieder die Bäume." Da hatte man bereits Lust, sich das alles noch einmal anzuschauen.
Das Spektakel begann auch schon beim Betreten des Eingangsbereichs. Eine halbe Stunde vor Beginn der Aufführung wurde bereits Stimmung gemacht. Im Foyer schmetterte eine Trachtenkapelle, Schuhplattler tanzten, und ein Kinderchor sang Volkslieder.
Hier ein paar Eindrücke aus dem Foyer:

                                
http://youtu.be/u94EGRTRj5A


Die begeisterten Premierenkritiken in der Presse hatten recht. Und so kam es gestern zum ersten Besuch einer Operette seit langer Zeit.
Damals, vor zehn Jahren, war das ein bekanntes Werk von Kálmán:

Kálmán, Gräfin Mariza
Deutsches Theater

17.8.2002. Samstag. Nachmittags in der Augusthitze brütet ringsum das hässliche Münchner Bahnhofsviertel, mit kleinen Kramläden, Schnellimbissen, Durchgangsverkehr.
Mittendrin, an der Schwanthaler Straße, steht das Deutsche Theater.
Drinnen gastiert heute das Budapester Operettentheater mit Kalmans Meisterwerk "Gräfin Mariza". Vorgestern war die umjubelte Premiere, in Anwesenheit der Komponistentochter Yvonne Kálmán und den üblichen Münchner Adabeis.
Auch heute ist die Vorstellung fast ausverkauft. Das Publikum ist in gesetztem Alter und hat sich schick gemacht wie zu einem Kaffeehaus-Besuch.

Man sieht eine bunte Inszenierung, die das Werk ernst nimmt und auf willkürliche, ärgerliche Experimente verzichtet. Die Ausstattung zeigt Hochgebirge, Lagerfeuer und dörfliche Idylle. Farbenfrohe Kostüme füllen das Bild, mal folkloristisch, mal Phantasieuniformen oder große Ballgarderobe. Alle Mitwirkenden sind spielfreudig, ohne aufdringlich zu wirken.
Dazu gibt es eine Reihe von bekannten Liedern, zum Beispiel das meisterhafte „Grüß mir die Frauen in Wien“. Das unverwüstliche „Komm Zigan.“
Das Orchester verzaubert mit einer fein gewebten, gefühlvollen Stimmungsmusik im wehmütigen Volkston, durchsetzt von Csardas und Walzerklängen. Das Leben als Zauber aus bunten Bildern und schmachtenden Klängen der österreich-ungarischen Vergangenheit, die wieder verwehen.





 
 
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