Mussorgsky - Der tiefe Klang

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Mussorgsky

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Modest Mussorgsky
   
Boris Godunow
Mosfilm-Studios 1954
Moskau, Bolshoi 1978, Stanislavsky-Theater 1991
Chowantschina
Brüssel, Theatre de la Monnaie 2003
Wien 1989
Mariinsky-Theater St. Petersburg, 1991

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Boris Godunow
Farbfilm von 1954, Mosfilm Studios
russisch mit englischen Untertiteln,
mit Alexander Pirogov (Boris), N. Khanaev (Schuisky), G. Nelepp (Grigori)
M. Mikhailov (Pimen), A. Krichenva (Varlaam), L. Andeyeva (Marina), I. Kozlovsky (Narr)
Orchester des Bolshoi-Theaters Moskau
Dirigent: Vassily Nebolsin
Regie: Vera Stroyeva
Video Artists International, New York

28.12.2004. Ein historischer Opernfilm der russischen Mosfilm-Studios. Dieses eigenständige Kunstwerk darf man nicht verwechseln mit der Bolshoi-Version, die 24 Jahre später direkt von der Bühne abgefilmt wurde.
Die Aufnahme der Mosfilm-Studios ist atmosphärisch sehr stark. Man verwendet alle Mittel des klassischen Kinofilms. Die Bilder erinnern an die elegischen, in einem melancholischen russischem Kolorit schwelgenden Gemälde von Mussorgskys Zeitgenossen Ilja Repin und noch mehr an die visuelle Magie des Filmregisseurs Sergej Eisenstein. Das fängt an bei den aufwendigen, prunkvollen Kostümen, wie in Eisensteins „Iwan der Schreckliche“. Außerdem gelingt ein grandioses Pathos, das niemals künstlich wirkt, mit expressiven Gesichtern, sinnvollen Kamerafahrten, raschen Bildschnitten und suggestiven Perspektivwechseln.

Es sind realistische Szenen, die geheimnisvoll und faszinierend wirken. Historische Räume mit bunten Mosaikfenstern und Gänge mit langen Schatten. Einzelne Szenen wurden anscheinend in den Prunkgemächern des Moskauer Kreml-Palastes gedreht. Es gibt auch Außenaufnahmen in russischen Landschaften. Aufgeregt wogende Volksmassen, eindringliche Lichtwirkungen. Eine bis in die kleinen Details ausgefeilte Personenregie und eine dramatische Farbgestaltung.
Einige Szenen haben, altersbedingt, einen leichten Rotstich. Auch der Ton ist zeitbedingt recht rauh, gelegentlich scheppernd. Es gibt kleine Aussetzer, doch der wuchtige Gesang und das Orchester überstrahlen machtvoll alle technischen Unzulänglichkeiten. Man hört große Stimmen. Archaisch orgelnde Bässe, hallende Chöre.

Den wilden Revolutions-Akt hat man einfach geteilt. Das ist ein schwerer Eingriff in die Partitur, der aber (mit schweren Bedenken) zumindest dramatisch plausibel ist. Zuerst sieht man also das entfesselte Volk. Dann folgt der Tod des Boris Godunow im Palast. Anschließend geht es weiter mit monumentalen Schlachtenszenen, wie aus Tolstois „Krieg und Frieden“. Große Feuer lodern, Flaggen wehen, Kavallerie stürmt dahin vor brennenden Städten, beim triumphalen Auftritt des falschen Dimitrij im Wald von Kromy.  

Die Fassung von Rimsky-Korssakow wurde massiv gekürzt, so daß leider nur noch 108 Minuten übrig blieben. Aber man sieht die wichtigsten Passagen der russischen Nationaloper, und sie reichen in dieser bildermächtigen Gestaltung aus, als hinreichende, ergänzenswerte Spuren eines faszinierenden Musterbeispiels, für eine zukünftige, würdige Boris-Verfilmung, wie man sie bisher noch nicht sah.


Boris Godunow

Bolshoi-Theater Moskau 1978, 2.40 Std.
Mit Jewgeniy Nesterenko, G. Kalinina, N. Grigorieva, V. Plavko, I. Archipova
Produktion: L. Baratov

9.6.2003. Direkt ansteuern lassen sich immerhin achtzig Einzelszenen, das heißt - fast alle drei Minuten kann man gezielt auch kleinere Abschnitte genau studieren. Weitere Extras gibt es nicht, auch keine Untertitel.

Zwar wird in der „DVD-Info“ ein dreiköpfiges deutsches Bearbeiter-Team genannt, aber das booklet enthält nur ganz allgemeine Hinweise. Man erfährt fast gar nichts von der detaillierten Rollenbesetzung und dem Produktionsteam. Die Namen sieht man zwar auf dem schnell durchlaufenden Vorspann, aber nur in kiryllischen Buchstaben. Wer war der Dirigent? Mangels entsprechender Sprachkenntnisse werden die einzelnen Sänger deshalb hier nur mit ihren Rollennamen bezeichnet. Schade, vielleicht kann jemand das noch ergänzen.

Das Bolshoi-Theater im Jahr 1978. Da herrschte in Moskau noch ganz real der mächtige Zar Leonid Breschnew, ein Kommunist. Aber Mussorgskys Meisterwerk, der russischen Nationaloper, tat man keinen politischen Zwang an und verpaßte ihr auch keine ideologische Zwangsjacke. Die Geschichte wird einfach in große, passende Bilder umgesetzt. Man versteht den Hintergrund trotzdem sehr genau, die Kämpfe zwischen aggressiver Machtgier und duldenden Volksgestalten.
Die Bilder leuchten in saftigen, intensiven Farben. Die Herrscherszenen glühen in goldschimmerndem Prunk, wie von alten russischen Meistern gestaltet. Das arme Volk erscheint in braungrauen Farbtönen, natürlich plakativ malerisch. Manchmal ist das Bild viel zu dunkel. Man hat damals wohl noch nicht bedacht, daß das normale Theaterlicht auf Filmen um einige Grad dunkler erscheint. Aber man bekommt einen deutlichen Eindruck, wie es gemeint war. Und andere Szenen sind besser ausgeleuchtet.
Die elegante Instrumentation Rimsky-Korssakows mildert einige Grobheiten der Urfassung. Diese Bearbeitung ist umstritten, aber wirkungsvoll, außerdem zähmt sie die Wildheit der Originalpartitur nur in Maßen.
Dazu Stimmen! Majestätische Chöre. Orgelnde, tiefschwarze Bässe, wie man sie schon lange nicht mehr gehört hat, auch in den kleineren Nebenrollen, etwa Chelkalow und Warlaam.
Nesterenko, damals ein berühmter Boris, tönt mit edlem, balsamischem Baß, dem ein wenig die scharfen Kanten fehlen. Der Mönch Pimen beeindruckt mit einer wuchtigen russischen Traumstimme. Den falschen Dimitrij mit seiner fuchsroten Perücke hemmt ein enges Stimmvolumen, und an Nicolai Gedda darf man dabei nicht denken. An Schärfe übertrifft ihn der Intrigant Schuiskij, der seine gellenden Ränkespiele mit giftiger, durchtriebener Mimik und boshaften Blicken noch steigert. Die Fürstin Marina verströmt eine schwelgende Mittellage und ein paar gepreßte Spitzentöne.
Trotz der Einschränkungen im Detail ist es eine eindrucksvolle Aufnahme, die einen bewegenden Eindruck hinterläßt. Ein großer musikalischer Bilderbogen aus dem Alten Rußland. Mussorgskys Atmosphäre, die hallenden orthodoxen Kirchenchoräle, der Volkslied-Ton und die modernen Klangwirkungen erlebt man sehr ausdrucksvoll, vorgetragen mit tiefer Empfindung, verstörender Melancholie und einem dämonischem Zwielicht.
Die Inszenierung ist auch optisch wirkungsvoll, mit einer traditionellen, altrussischen Ausstattung.  
Man erfährt leider nicht, wer der ausgezeichnete Dirigent ist. Aber man bekommt trotz der Grenzen der damaligen Tonqualität einen überwältigenden musikalischen Eindruck, würdig dem einzigartigen Meisterwerk Mussorgskys."

Videotechnik, für die große Kunst - das war 1978 technisch noch sehr unzulänglich, aber es gab schon Stereo und Farbe, in goldprunkenden Kostümen. Der Klang ist eher mulmig, verwaschen.
Dabei ereignet sich etwas ganz anderes, atemberaubend, denn es war damals zu einer Zeit, als die weltverbessernden Kommunisten in Rußland noch unverschämt alle Macht beschlagnahmten, unter Leonid Breshnew.
Sie haben dieses Kunstwerk genehmigt und gezeigt, und sie haben nicht gewagt, darin einzugreifen. Es ist eine der Opern, die auch der Massenmörder Stalin gern anschaute.
Und das Publikum dieses einen unvergänglichen Abends, dieser glücklicherweise geretteten DVD, macht lebhaft mit. Die Leute applaudieren begeistert. An den richtigen Stellen, einfach mittendrin, auf offener Szene. Genau da, wo alles gut ist.
Sofort beginnt das. Das arme Volk klagt, dann sieht man eine fromme Prozession mit Kerzen, singenden Kindern und drei Heiligen, die wie gemeißelte Ikonen hochgewachsen ihre Botschaft verkündigen, mehr noch, sie mit äußerster Stimmgewalt in die Welt hinausschreien. In dieser Aufnahme wird gebrüllt, aber immer nur dann, wenn es paßt.
Enttäuschend ist nur der berühmte Superstar. Denn Jewgenij Nesterenko ist zu blaß. Er singt edel, wunderbar schön. Aber man höre als Vergleich nur einmal die kratzenden Archiv-Aufnahmen von Fjodor Schaljapin, da röhrt die Urgewalt der russischen Seele. Eine Naturbegabung. Als DVD gab es das bisher nur mit ein paar eindringlichen Ausschnitten.
Und diese Moskauer Aufzeichnung beginnt ganz still. Man sieht einen älteren Herren (Mark Ermler ? - die Produzenten verraten es nicht.). Ein alter Mann, der ganz bedächtig den Taktstock hebt und dann alles machtvoll im Griff hat.
Diese Aufnahme wird man restaurieren müssen. Die Bilder sind zu dunkel, zu undeutlich, aber das läßt sich ändern, man wird sich darum kümmern müssen, denn diese Aufführung ist die beste von allen. Man schaut direkt in die russische Seele, ganz tief hinein.

In Münster (Westfalen) war Dimitrij 1983 der verstorbene Tenor James Wagner. Ein farbiger Tenor aus New Orleans, der sich für diese Partie ganz weiß schminkte und einen sehr herausfordernden, klangvollen Usurpator zeigte, unvergeßlich für alle, die dabei waren. Man versäumte damals keine einzige Vorstellung dieses russischen Wunderwerks, und als alles ausverkauft war, haben Mitarbeiter des Theaters einfach die Regisseurs-Loge freigemacht. Boris Godunow war Romano Nieders, der den Raum vokal und optisch beherrschte, dominierte. Schuiskij war Florin Farkas, der anschließend nach Rumänien entschwand.
Der Dirigent Alfred Walter sorgte für einen aggressiven, phantastischen Klang.
Münster hatte 1983 die prunkvollen Original-Kostüme der Karajan-Inszenierung aus Salzburg importiert. Ein Rausch von Farben und Formen. Regie führte Frank-Bernd Gottschalk, ein Werkverfremder. Doch die Verbindung mit dem Salzburger Prunk der Karajan-Ära ergab ein Meisterwerk.
Dem Dirigenten Alfred Walter schrieb ich damals, "Rimskys Bearbeitung ist eine Verfälschung."
Aber das stimmt nicht. Wenn man die Urfassungen genauer studiert, die Bearbeitungen von Schostakowitsch und anderen, so ist Rimskys Fassung doch die allerbeste. Mussorgsky konnte leider nicht instrumentieren.

Am Moskauer Bolshoi-Theater hat man das alles gewußt und auch realisiert, damals. 1978. Diese phantastische Inszenierung erschreckt und belebt alte Erinnerungen, denn sie ist äußerst ähnlich, sie ist fast genauso wie damals in Münster.
Optisch ist es in Moskau natürlich einfach besser. Die brutale Gewalt der Musik, die Bilder, die den Betrachter, auch ohne jede Kenntnis der Partitur, einfach überrollen und überschwemmen.
Da schlagen die Menschen (mitten in der Hochblüte des verblendeten Kommunismus) demütig das Kreuz. Es donnern gläubige Mönche wie aus Bildern von Ilja Repin, dazu schreiten hochragende Eremiten mit flackernden Kerzen vorbei, Prozessionen mit goldglühenden Ikonen. Unüberhörbar hallen die gewaltigen Gong-Schläge in der Moskauer Kathedrale am Roten Platz, bei der Krönung des Zaren, mit der ekstatischen Klage des Gottesnarren über das leidende Rußland. "Slawa. Slawa."
Das ist ein pausenlos wechselnder, goldgleißender, altrussischer Bilderbogen, der alle Möglichkeiten der menschlichen Existenz umspannt. In einer ordinären Schenke sieht man den Dickwanst Warlaam, der (wie Verdis Falstaff) hemmungslos wilde Geschichten herumgrölt, laut brüllend (Applaus bei offener Szene), wenn er wilde Anekdoten erzählt über Iwan den Schrecklichen.
Genauso heftig geht es weiter. Im prunkvollen Zarenpalast lauert Fürst Schuiskij, mit aller nur denkbaren Falschheit und Hinterlist. Hier findet Mussorgsky die modernsten, häßlichsten Klänge, für eine beklemmende Situation voller Täuschung und Verrat.
Und da gibt es die weltenferne, dunkle Klosterszene mit dem Mönch Pimen, dessen russische Chronik das ganze Drama auslöst und am Ende auf die Spitze treibt.
Die musikalische Atmosphäre wechselt ständig. Die schrillen, heuchlerischen Chöre bei der Zarenkrönung. Die tiefernste Meditation in der Klosterzelle, wo der falsche Mönch Dimitrijj gierig zur höchsten Macht greift und sie auch gewinnt.
Historisch war das nur eine kurze Episode, denn die Moskauer haben auch den falschen Usurpator bald verjagt.
Aber Mussorgsky hört mit dieser düsteren Szene einfach auf, im turbulenten letzten, brutalen Revolutions-Akt, wo man die eingefangenen Priester, die lateinische Choräle singen, einfach am nächsten Baum aufhängen will.
Auch das war eine zutreffende Vorausschau auf kommende katastrophale politische Jahrzehnte, die Mussorgsky selbst nicht mehr erlebte.
Doch man spielt im Bolshoi-Theater die andere Schlußfassung - den Tod des Zaren. Da schallen hinter der dramatischen Versammlung der Bojaren unsichtbare Stimmen. Gewaltige russisch-orthodoxe Kirchenchoräle, ein Echo aus der Ewigkeit.
Es geschieht sehr viel in diesem Stück, sehr Helles und ganz Dunkles. Es wird auch viel gebetet, und die atheistischen Kommunisten haben an diesem Element des Zarendramas gar nichts geändert.
Den Rang eines Werkes findet man, wie bei Wagner, immer in der Nähe zur Transzendenz. Das ist die intellektuell nicht darstellbare Überschreitung der materiellen Wahrnehmungsfähigkeit.

Boris Godunow

Moskau, Stanislavsky Theater


26.12.2003. Die DVD-Hülle enthält nur Angaben zur Besetzung, die Aufzeichnung selbst zeigt kyrillische Lettern und einen Hinweis, daß sie von 1991 stammt. Man erfährt auch nicht, um welche Bearbeitung es sich handelt, vermutlich eine frühe Fassung, die recht spröde wirkt.
Der Film dauert 138 Minuten. Es fehlen der ganze Polen-Akt und der dramatische Revolutions-Akt, vor allem letzterer gehört eigentlich unbedingt dazu. Die Fürstin Marina erscheint immerhin in der Besetzungsübersicht, für die DVD wurde ihr Auftritt einfach weggelassen.
Regisseurin Olga Ivanova beschränkt sich beim Bühnenbild auf wenige Requisiten und einen kahlen Einheitsraum, der in unterschiedlichen Farben beleuchtet und bemalt wird. Ganz im Vordergrund brennen bis zum Schluß weiße Kerzen. Die Gewänder der Herrschenden entsprechen der goldprunkenden Tradition, die anderen tragen kunstlose, lieblos zusammengeschneiderte Stoffe. Die Personenführung ist von der alten Schule, mit rollenden Augen, geballten Fäusten und erhobenen Händen.
Die Stimmen tönen alle sehr edel, balsamisch schön, aber es fehlt ihnen der individuelle Charakter - die orgelnde Wucht, die man von anderen Darstellern des Boris und Pimen kennt. Grigorij, der „falsche Dimitrij“, quetscht die Töne recht herb, auch vom tückischen Fürsten Shujskij erwartet man mehr gefährliche Durchschlagskraft.
Dirigent Evgheniy Kolobov setzt nur wenige dramatische Akzente, das ganze schaurige Drama zieht sich ziemlich müde dahin, und die Musik entfaltet nicht ihre dämonische Größe.
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11.3.2007. Vor über zwei Jahrzehnten gab es eine glanzvolle Weihnachtspremiere, im Jahr 1983 am überschaubaren Stadttheater Münster in Westfalen. Mussorgskys „Boris Godunow“, eine Spitzenproduktion, bei der das Haus bis in die kleinsten Nebenrollen hervorragende Leistungen präsentierte und die Kostüme von den Salzburger Festspielen stammten.
Unter der musikalischen Leitung von Alfred Walter sang und spielt das große Ensemble hinreißend. Von der Generalprobe bis zur letzten Vorstellung habe ich sämtliche Aufführungen gesehen, unvergesslich in allen Details bis heute.
Danach ging es los mit der leidenschaftlichen Erforschung aller Mussorgsky-Werke.

„Chowantschina“ kam erst ein paar Jahre später, nur im Radio, allerdings in einer atemberaubenden jugoslawischen Stereo-Aufnahme von 1960, die heute noch zu den obersten Glanzstücken meiner Musik-Sammlung gehört:
Die Solisten:
Melanie Burgarinovich (Marfa), Sofye Jenkovich (Emma)
Nicholas Tzveych (Iwan Chowansky), Alexander Marinkovich (Andrej Chowansky),
Miro Changalovich (Dosifey), Drago Startz (Wassily Golizyn), Dushan Popovich (Schaklowity),
Stepan Andrashevich (Schreiber)
Chor und Orchester der Nationaloper Belgrad
Dirigent: Kreshmir Baranovich

Damals gab es nur ein paar verwirrende Inhaltsangaben, eine deutsche Übersetzung war noch nicht zugänglich. Aber die Musik wirkte sofort, vom überirdischen Vorspiel bis zu den düster drohenden Wutausbrüchen und den unendlich vielen Schattierungen der Klangsprache, den orgelnden Bass-Stimmen und den wuchtigen Riesenchören des gewaltigen Werks.

Am 26.1.1993, vor vierzehn Jahren, folgte in München ein Wiedersehen mit dem Werk, die erste szenische Aufführung. Leider war das eine langweilige Chowantschina-Inszenierung am Gärtnerplatz, von der nur sehr blasse musikalische Eindrücke in Erinnerung blieben und ein hässliches abstraktes Bühnenbild. Der Regisseur Hellmuth Matiasek begnügte sich mit einem ärmlichen Gestänge als Dekoration.

Chowantschina
Musikalische Fassung von Dimitri Schostakowitsch
Finale von J. David Jackson
Brüssel, Theatre de la Monnaie 2003
mit Elena Zaremba (Marfa), Hélène Bernardy (Emma)
Willard White (Iwan Chowansky), Pär Lindskog (André Chowansky)
Anatolij Kotscherga (Dosifej), Ronnie Johansen (Schaklowitij), Glenn Winslade (Golizyn)
Dirigent: Kazushi Ono
Inszenierung: Stein Winge
175 Minuten

Diese Fernsehaufzeichnung des bedeutenden Musikdramas wurde letzten Samstag gezeigt, am 30.9.2006.
Zu den Sängern:
Elena Zaremba (Marfa) hat eine ansprechende tiefe Altstimme, ist aber bei den Spitzentönen gelegentlich überfordert. Hélène Bernardy (Emma) keift aufgeregt herum. Mehr gibt die Rolle auch nicht her.
Willard White (Iwan Chowansky) bringt die Spitzenleistung des Abends. Eine schlanke, klangschöne, dramatische Stimme. Pär Lindskog (André Chowansky) bleibt blass. Auch Ronnie Johannsen (Schaklowitij) klingt farblos, mulmig. Glenn Winslade (Golizyn) säuselt mit dünner, hoher Stimme.
Eine Fehlbesetzung ist leider Anatolij Kotscherga (Dosifej), kurzatmig, viel zu verschlagen und tückisch, aber kein frommer, visionärer Prophet. Die pathetischen Ausrufe gelingen nicht. Kotscherga war immerhin ausgezeichnet als Intrigant Schaklowity, in Claudio Abbados Wiener DVD-Aufzeichnung.
Die machtvollen Chöre sind ausgezeichnet und ein Höhepunkt dieser Aufführung.
Kazushi Ono dirigiert so ähnlich wie sein Landsmann Kent Nagano: Glatt und perfekt, oberflächenpoliert, aber ohne Tiefe, expressive Wucht, Wärme, Emotionalität.

Während des hymnischen Vorspiels transportieren Kosaken ermordete Gefangene ab. Sie rauchen und trinken. Aha, wir befinden uns nicht in der Epoche von Peter dem Großen (1672 - 1725), sondern die Handlung wurde wieder einmal aktualisiert und verlegt, in die russische Revolutionszeit, die immerhin auch schon fast hundert Jahre vorbei ist.
Man sieht Politkomissare, Leninmützen, Fahrräder. Bajonette, Sufragetten (Frauenrechtlerinnen) mit Kompotthüten.
„General Iwan“, mit einem modernen langen Militärmantel und schwarzer Schirmmütze, schwebt mit einer stählernen Kommandobrücke zum Volk herab. Die Leute sehen aus wie Sträflinge, rauchen oder saufen aus Wodkaflaschen.
Sozialistische Tristesse, grau und öde. So einfarbig wie diese trostlose Einheits-Soße ist das Werk aber nicht - im Gegenteil. Trotzdem befinden sich alle stundenlang auf einer kahlen, häßlichen Bühne mit unverputzten Ziegelwänden und stählernen Wendeltreppen. Insgesamt bleibt es bei einer vergammelten, trostlosen Szenerie in graublauen Farbtönen, vermutlich eine ausbeuterische Proletarierfabrik der Kapitalisten.
Bei der Mord-Szene trägt Iwan Chowansky eine Jacke mit glitzernden Epauletten wie ein Zirkusdirektor. Er wird von einem Liliputaner erstochen. Auch mal etwas ganz Neues.
Am Schluß begehen die Altgläubigen Selbstmord, allerdings nicht wie sonst auf dem Scheiterhaufen, sondern sie zünden Kerzen an, nehmen Gift und kippen um, einer nach dem anderen. Dazu öffnet sich das riesige Fabriktor zum erstenmal. Man schaut in einen kahlen Birkenwald unter einem rötlichen Winterhimmel. Das ist die einzige Szene mit ergreifender Atmosphäre. Dann betreten schwarz gekleidete, vermutlich stalinistische Politkommissare den Schauplatz. Der Vorhang fällt.
Die Personenführung ist spannend und lebhaft, ohne die Sänger zu überfordern.

Aber die Aktualisierung bringt überhaupt nichts. Die russisch-kommunistische Revolutionszeit ist den Heutigen innerlich genauso fern wie die Zeit Peters des Großen, die jedoch dem Libretto zugrunde liegt. Das Textbuch enthält auch zahlreiche klare Verweise auf diese konkrete Epoche des 17. / 18. Jahrhunderts. Die Regie will sich jedoch mit der überflüssigem „Modernisierung“ wichtig machen, für altbackenes Proletariertheater Marke Brecht von vorgestern. Theater-Ideen, die sozusagen alles umstürzen und verändern, ohne zusätzlichen Erkenntnisgewinn.
Das gründliche Studium einer konkreten historischen Epoche ist für die Theatermacher offensichtlich zu viel verlangt. Immer wieder wird die saure kommunistische Zeit aufgewärmt.
Schade um dieses gewaltige Musikdrama, dessen Melodien so innig und bewegend sind und eine ganz eigene, faszinierende Klangsprache entwickeln. Musikalisch ist dieses Werk noch dichter und stärker als Mussorgskys Boris Godunow. Der Reichtum dieser Partitur umfasst ja nicht nur politische Angst und Schrecken, sondern auch innige Volksmusik und feierliche orthodoxe Kirchenmusik. Da hätte man viele Farben und Nuancen zeigen können.


Chowantschina
Wiener Staatsoper 1989
mit Nicolai Ghiaurov, Anatolij Kocherga, Paata Burchuladze, Heinz Zednik,
Ludmilla Semtschuk, Wladimir Atlantov, Jurij Marusin
Dirigent: Claudio Abbado
Inszenierung: Alfred Kirchner
173 Minuten

26.9.2004. Das beiliegende Booklet der DVD enthält einen umfangreichen, fünfseitigen Werk-Kommentar von Alexandra Dielitz. Diese klugen Anmerkungen lassen an souveräner Klarheit und erstaunlichem Hintergrundwissen keine Wünsche offen.
Die Sänger dieser Filmaufzeichnung sind allesamt Weltspitze, eine Elite, balsamisch edel getönt, noch ganz in der Tradition von Karajan und stets auf sehr hohem Niveau.
Immerhin könnte man sich das noch viel heftiger vorstellen. Nicolai Ghiaurovs herrische Drohgebärden, Anatoli Kochergas aggressive Ausbrüche, das hochtönende Gezeter von Heinz Zednik, die eitlen Kantilenen von Wladimir Atlantov und Jurij Marusin, dazu die melancholischen Klagen von Ludmilla Semtschuk und die prophetische Wucht von Paata Buchuladze.
Claudio Abbado dirigiert etwas zu glatt, manchmal auch zu monoton und viel zu zahm. Es fehlen die groben, kompromißlosen Akzente, die typisch sind für Mussorgsky.

Verwendet wird die Orchesterfassung von Dimitri Schostakowitsch. Sie ist viel strenger und ruppiger als die virtuos glänzende Instrumentation von Rimsky-Korssakow, aber auch ein wenig glanzlos.
Vom Original des Komponisten gibt es leider nicht mehr als einen Klavierauszug. Seine Bearbeiter haben ihm respektvoll gedient, aber ihre eigene, weniger bedeutsame Individualität in die fremde Partitur einfliessen lassen.
Mussorgsky konzentriert sich auf das Volk. Im Vordergrund stehen die großen, immer wieder machtvoll aufbrausenden mehrstimmigen Chöre, mit vielen Elementen der inbrünstigen russischen Volksmusik. Die Elemente der alten Kirchenmusik durchziehen das ganze Werk, vor allem in den mystischen Chorälen der verfolgten Altgläubigen, wie sie immer noch in den russisch-orthodoxen Kathedralen erklingen.
Leider sind in Wien diese Chöre zu gedämpft, zu unverbindlich.
Allerdings weiß man auch nicht, was hier die Aufnahmetechnik so alles verändert und verschlimmbessert hat.

Zur Inszenierung:
Erich Wonder hat für die Wiener Staatsoper ein Bühnenbild geschaffen, das an eine Baustelle denken läßt oder an eine monströse Fabrikanlage des neunzehnten Jahrhunderts, mit ein paar leuchtenden russischen Zwiebeltürmen als folkloristischer Beigabe. Es assoziiert die brutale Industrialisierung des vorletzten Jahrhunderts, mit ihren bekannten politischen Folgen und den späteren, extremen gesellschaftlichen Experimenten von Lenin und Stalin.
Mit dem Original hat das gar nichts zu tun. Zar Peter der Große lebte mehr als zweihundert Jahre früher, im siebzehnten Jahrhundert. Aber immerhin, die Ausstattung vermittelt eine bedrohliche, zermalmende Atmosphäre, wie sie tatsächlich über dem ganzen Drama lastet.
Ein heftiger Kontrast dazu und eine entspannende Augenweide sind die farbenprächtigen Kostüme Joachim Herzogs mit ihren üppigen ornamentalen Elementen, in einem schwelgenden, historisierenden Stil.
Das paßt genau, denn es geht um eine ganz konkrete Epoche zur Zeit Peters des Großen, zwischen 1682 und 1689. Der Zar selbst tritt nicht auf, aber als er endlich an die Macht gekommen ist, bekommen alle Gegner, aus der Ferne, unerbittlich seine harte Hand zu spüren.

Die zerstörerische Wirkung des tyrannischen Despotismus zeigt Mussorgsky in der Handlung und vertieft sie durch eindringliche Musik. Die zahlreichen Einzelfiguren des Monumentalwerks irren fassungslos, wehrlos herum. Sie sind verstrickt in unauflösbare, tragische Schicksalszwänge, aus denen sich keiner lösen kann.
Ein grausames Unheilszeichen ist die hinterhältige Ermordung des Fürsten Ivan Khovansky, im Auftrag des Zaren. Dabei geht es trügerisch freundlich zu. Ein festlicher Frauenchor in roten Traditionsgewändern singt ganz verführerisch, idyllisch das Volkslied vom liebenden weißen Schwan. Mittendrin wird der Fürst Khovansky erdolcht, in einem goldenen Prunkgewand.
So gnadenlos geht es weiter, bis zum Untergang der Altgläubigen (Raskolniki) auf dem Scheiterhaufen.
Damit schließt Mussorgsky die Handlung, genauso hoffnungslos, verzweiflungsvoll wie in seinem hochbedeutenden Hauptwerk Boris Godunow. Ausweglos, tragisch endete auch sein privates Leben. In einem Moskauer Krankenhaus starb der Jahrhundertkomponist vergessen, in Verzweiflung, arbeitslos, finanziell am Ende und gesundheitlich ruiniert.

Doch schon vorher, am Schluß der „Chowantschina“, wendet Mussorgsky sich ab, von allen vergänglichen Wechselfällen der Realität. Das Werk ist leider nicht vollendet. Die Instrumentation und ein Teil der Komposition der Schlußszene stammen von Igor Strawinski.
Hier, zum Schluß, geschieht etwas anderes, mit einer flutenden, aufbrausenden Musik. Es ist der Übergang in die Transzendenz, die Auflösung der vergänglichen Materie, wie sie auch das Zentrum der buddhistischen Lehre ist. Inhaltlich genauso enden auch Wagners Tristan und Parsifal.
Mit dieser Gedankenwelt sind die Bilder aus der Wiener Staatsoper völlig identisch. Die russischen Altgläubigen sterben ekstatisch, mit weltentrückten Gesängen, in hellen Gewändern, vor dem Hintergrund eines nebelverhangenen Waldes, in einem weißen Licht, das alles immer mehr der Realität entzieht.

Chowantschina

Bearbeitung: Dimitri Schostakowitsch
Mariinsky-Theater St. Petersburg, 1991
mit Olga Borodina (Marfa), Jelena Prokina (Emma), Jewgenija Tselovalnik (Susanna),
Valery Axejev (Shaklovity), Bulat Minjelkiev (Ivan Khovansky), Vladimir Galusin (Andrej Khovanskij), Alexej Stebljanko (Vassili Golitzin), Nikolai Ohotnikov (Dosifej)
Dirigent: Valerij Gergiev
Inszenierung: Leonid Baratov
Bildregie: Brian Large
Immortal Europe Images, 205 Minuten

13.3.2005. Mussorgskys Chowantschina gibt es bereits in einer modernen, maßstabsetzenden DVD-Produktion der Wiener Staatsoper, 1989 unter Claudio Abbdado. Diese Verfilmung mit einem internationalen Star-Ensemble wurde hier schon rezensiert, am 26.9.2004.
Diesmal kommt das hochbedeutende Werk aus einer ganz anderen Welt, St. Petersburg in Rußland, direkt von der Quelle. Man verwendet die herbe Fassung von Dimitri Schostakowitsch.
Der Dirigent Valerij Gergiev war damals glattrasiert und nicht so struppig wie in den letzten Jahren seiner öffentlichen Auftritte. Er bringt das Orchester kraftvoll in Schwung, emotional weit über den puren Notentext hinaus. Ein Künstler mit starker persönlicher Handschrift, der ein Gespür hat für Mussorgskys Eigenart.
Zum Schluß antwortet das Publikum mit heftigem Bravo-Geschrei und Standing Ovations.

Die Handlung ist ein hochpolitischer Stoff aus der Zeit von Zar Peter dem Großen (1672-1725). Alle individuellen Katstrophen entstehen hier durch die Ohnmacht des Einzelnen in einer autoritären Herrschaftsform. Bojaren streiten mit Strelitzen. Adelige mit Geistlichen. Denunziationen und tödliche Intrigen durchdringen alles. Hier kämpft jeder gegen jeden, bis zur rituellen Selbstverbrennung der verfolgten Raskolniki auf einem rötlich lodernden Scheiterhaufen.
Seltsamerweise widerspricht die Musik all dem Unglück. Sie enthält traditionelle orthodoxe Kirchenmusik, orientalische Folklore und immer wieder einen innigen, volksliedhaften Ton. Das beginnt schon beim bekannten Vorspiel, der „Morgendämmerung an der Moskwa“. Und so spiegelt das ausladende Klangpanorama des ganzen Werks die Wärme und Tiefe menschlicher Empfindungen, im Angesicht des Untergangs.

Und da ist etwas ganz Großes in der Musik. Ein heftiges dunkles, lauerndes Grollen, peitschende Aggressionen und feierliche Meditationen. Die Kraft dieser faszinierenden Monumentalmusik entfaltet sich in den vielen Seitenlinien der düsteren Schicksalsthemen. Zur orchestralen Feinarbeit kommen vielstimmige Chorauftritte. In den Solopartien präsentieren die Sänger russischen Belcanto. Es sind teilweise bekannte Namen, wie Olga Borodina und Vladimir Galusin. Orgelnde Bässe, dunkel klagende Frauenstimmen in kraftvollen slawischen Klangfarben. Fast jede Rolle ist hervorragend besetzt, nur die näselnden Tenöre sind etwas gewöhnungsbedürftig.
Es ist ein Fest der Stimmen, allerdings nicht im Wagnerstil und genausowenig wie Verdi oder Puccini. Hier herrscht ein unverwechselbarer, wehmütiger russischer Ton, und er durchdringt das ganze tragische Welttheater.
Immer wieder gibt es einzelne, außerordentliche Augenblicke, wenn die Kraft der Musik unmittelbar die Sänger erreicht. So beim Schluß der ersten Szene (4. Akt), mit einem Volkslied des Chores als Auftakt und der heftigen Unterbrechung durch die Ermordung des Fürsten Chowansky.

1989 in Wien, setzte die Inszenierung Alfred Kirchners auf eine moderne, symbolistische Bildersprache. Nur zwei Jahre später entstand diese russische Aufführung von 1991. Sie ist konventionell und wirkt altmodisch, ganz anders als draußen vor dem Theater die reale Stadt St. Petersburg, die ihre zeitlose, milde Schönheit der schwelgenden Phantasie italienischer Architekten verdankt.
Es ist kein Fehler, zu einer düsteren Handlung als Kontrast starke Farben zu setzen. Doch eine naive, folkloristische Beschaulichkeit allein ist zu wenig für dieses vielschichtige Werk. Die Ausstattung ist pompös. Gemalte Kulissen, romantische Prospekte aus der Zarenzeit. Ein aufwendig vorbeirauschender Bilderbogen. Historische, knallbunte Kostüme, immer wieder dominiert von der Signalfarbe Rot. Die Regie beschränkt sich auf eine bunte Bebilderung des vorrevolutionären Rußlands. Zum Glück verzichtet man auf gequälte Aktualisierungen. Bei einem Werk von so hohem Rang sind schrille inszenatorische Mätzchen nur Gift, und sie lenken ab von dieser starken Musik, die raunend, grollend, alle Farben der menschlichen Seele spiegelt. Der Dirigent Valery Gergiev beschwört dieses dämonische Zwielicht, viel spannender und anrührender als der elegische Schöngeist Claudio Abbado in Wien.

Doch die Aufzeichnung der Wiener Staatsoper gewinnt in einem wichtigen Vergleichspunkt: Die Bildqualität ist hervorragend. In St. Petersburg ist die Optik leider viel zu unscharf, wie mit einem Weichzeichner-Objektiv aufgenommen oder hinter einem durchsichtigen Schleiervorhang. Der englische Aufnahmeleiter Brian Large hat schon in vielen Opernhäusern aufgezeichnet, mit besseren Ergebnissen. Vielleicht hatte er damals in St. Petersburg, im Jahr 1991, noch nicht die beste Aufnahmetechnik. Schade. So bleibt diese DVD optisch nur ein Schatten des Möglichen, immerhin, bei diesem Werk, das mit großer Geste den einsamen Rang der wilden Wagnerwerke erklimmt und auch die seltene Höhenluft des Bayreuther Komponisten mühelos erreicht.




 
 
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