Münster - Der tiefe Klang

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Opernaufführungen


Münster

Siebzehn Jahre lang war die westfälische Hauptstadt Münster der Lebensmittelpunkt. Von 1971 bis 1987 gab es dort sehr viele eindrucksvolle Opernbesuche.
Diese Abende schufen Maßstäbe für das, was selbst Stadttheater leisten können, wenn die richtigen Persönlichkeiten Einfluss nehmen.
In diesem Fall waren es der Generalmusikdirektor Alfred Walter und der Regisseur Karl-Erich Haase.

Auch diese Zeit ist nicht detailliert aufgezeichnet.


Ernsthafte Probleme gab es ab 1983, als ein folgenreicher Intendantenwechsel stattfand und ein einschneidender Kurswechsel begann.
Das nervende Regietheater tauchte auf und begann mit schrägen Experimenten, die teilweise nicht mehr nachvollziehbar waren.

Andere Städte
1971 bis 1986

In diesen Jahren gab es Ausflüge zu den Musiktheatern in Dortmund, Düsseldorf, Köln, Frankfurt und Berlin.
August 1986:
Tristan und Isolde. Der erste Besuch einer Vorstellung in Bayreuth.
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Das Stadttheater Münster zeigt in den Siebziger Jahren brillante Operninszenierungen.
Aida, Fidelio, Herzog Blaubarts Burg, Rosenkavalier werden zu starken Eindrücken. Heute noch sind die magischen Bilder in der Erinnerung tief eingebrannt.
Der Regisseur Karl-Erich Haase ist unverkennbar von  dem genialen  Wieland Wagner beeinflusst. Er begeistert hier, mitten im ländlich geprägten Münsterland, mit einer spannungsgeladenen Personenregie.
Abstrakte Bühnenbilder schaffen mit Symbolen und Andeutungen eine eigene hintergründige Welt, unterstützt von einer wirkungsvollen Lichtregie. Alles hat eine sehr persönliche Handschrift und ist doch inspiriert vom verstorbenen Bayreuther  Meisterregisseur Wieland Wagner.

18.06.72. Sonntag. Im Stadttheater gibt es einen konzertanten Opernabend. Ein einmaliges Sonderkonzert mit den Weltstars Ingrid Bjoner, James King, Gottlob Frick.
Auf dem Programm stehen bekannte Opernarien und dann - vollständig - Wagners Wunderwerk: Walküre, 1. Akt. Münsters Chefdirigent Alfred Walter entfesselt den dramatischen Orchesterklang.

Herbst 1972. Ein Freund vermittelt ein gemeinsames Treffen mit der Sopranistin Marta Röth, deren Opernauftritte wir ein paar Mal erlebt haben. Wir treffen uns mit ihr im Restaurant des Hotels "International", genau gegenüber vom Stadttheater.
Gleich nach ihrer Vorstellung, als Santuzza in Mascagnis "Cavalleria Rusticana", setzt sie sich an unseren Tisch. Sie klagt  bitter über ihre Kündigung, durch den neuen Chefdirigenten Alfred Walter.

18.09.83. Münster. Die Premiere von Wagners "Tannhäuser". Eine werkfremde, willkürlich entstellende Inszenierung. Der Landgraf als Napoleon verkleidet, die Wartburggesellschaft in Reifröcken wie La Traviata.  
Mit solchen Entstellungen will die Regie sich wichtig machen, um schrilles Aufsehen zu erregen, das damals der Karriere sehr förderlich sein konnte.

Denn die Theaterlandschaft war in grundsätzliche Probleme geraten, weil die Darstellungsmöglichkeiten von Film und Fernsehen viel größer waren. Also ging man daran, durch willkürliche Sensationen und Absurditäten dem traditionellen Theaterpublikum eine künstliche Aktualität vorzugaukeln.
Ein Rezept, das jahrzehntelang sogar blendend funktionierte, bis in das neue Jahrtausend hinein.

Kurz nach der Premiere, beim öffentlichen "Gespräch mit dem Zuschauer", im Pausenraum des Theaters, folgte eine deutliche Auseinandersetzung mit dem Regisseur über seine dreiste Regie-Willkür.
Ich sagte, "Komponieren Sie sich doch eine eigene Musik zu Ihrer Inszenierung, aber lassen Sie Wagners Meisterwerke in Ruhe".  „Das ist eine Unverschämtheit", rief er.
Aber leider war er nicht der einzige, der Opern für geistige Kapriolen entstellte, die vor allem Sensationen, Skandale und Schlagzeilen bringen, aber nicht den geistigen Anspruch eines Meisterwerks umsetzen in ernstzunehmende  Bilder.

25.12.83. Stadttheater Münster: Eine exemplarische Weihnachts-Premiere. Mussorgskys Musikdrama Boris Godunow. Ein großes Ereignis mit ekstatischer Kraft.
In der ausgefeilten Personenregie des Regisseurs Frank-Bernd Gottschalk ist diesmal fast das gesamte musikalische Personal des Theaters im Einsatz. Eine  Traumbesetzung gibt es auch in  den kleineren Rollen.  Romano Nieders ist ein grandioser Boris. James Wagner singt einen triumphalen Dimitrij. Walter Schürmann bewegt in den meditativen Monologen des Mönchs Pimen.
Alle spielen in ausgeliehenen Prunk-Kostümen von Karajans Salzburger Osterfestspielen.
Dirigent Alfred Walter erfüllt das Haus mit dämonischen, wuchtigen Klängen. Die faszinierenden Farben schwermütiger russischer Volksmusik mischen sich mit hallenden byzantinischen Chorälen  und dramatischen Monologen. Da ist ein dunkler Ton in der Musik, aus einem anderen Reich - hinter den Bildern.

Nach der eindrucksvollen Generalprobe  versäume ich keine  einzige der fast zwanzig Vorstellungen   des "Boris", schreibe auch einen erfolgreichen Leserbrief an die Lokalzeitung, der zusätzliche Aufführungen bewirkt. Einen ausverkauften Abend verbringe ich sogar mit Unterstützung von Theater-Angehörigen allein in der leeren Regisseurs-Kabine.

Den Sänger des falschen Dimitri, den  farbigen Tenor James Wagner aus New Orleans, habe ich ein paar Wochen vorher kennengelernt, zufällig vor dem  Stadttheater. Beim Schlussapplaus winkt er mir ungeniert  von der Bühne zu, und wir treffen uns auch mehrfach privat.
Der brillante Sänger der Titelrolle, Romano Nieders, freut sich über meine Bewunderung des Zarendramas und seiner wuchtigen Gestaltung der Titelrolle. In seiner Stadtwohnung ist er ein faszinierender Gastgeber, der viele Anekdoten zu erzählen hat.

Doch mittlerweile sind dunkle Wolken aufgezogen.
Seit April 1983 tobt durch die Lokalpresse ein heftiger, öffentlicher Streit der Theaterleitung.
Der Bayreuth-erfahrene Chefdirigent Alfred Walter hat sich in Münster seit über zehn Jahren bewährt. Er bestreitet den hierarchischen Vorrang des neuen Generalintendanten, Professor Karl Wesseler.
Alfred Walter will nicht akzeptieren, daß der Neue auch die musikalischen Entscheidungen trifft. Doch der selbstbewusste Professor Wesseler will "frischen Wind" ins Haus bringen. In Wirklichkeit läßt er seine mitgebrachten Regisseure, Assistenten und Schauspieler pseudo-modern an Klassikern herumexperimentieren.
Das hässliche Regietheater ist angekommen und wird noch viele deutsche Opernhäuser durchfluten, dank reichlicher staatlicher Subventionen.
Im Ausland reagiert man viele Jahre nicht auf den unangenehmen Modetrend.
Dort ist man auch viel abhängiger von privaten Spendern und sieht keinen Grund darin, das Publikum zu verärgern.

Der verdienstvolle Chefdirigent Alfred Walter erlebt selbst, was er bei seinem eigenen Neubeginn, vor zwölf Jahren, einigen damaligen Sängern bescherte: Die künstlerische Abfertigung.
Schließlich gibt  er  auf, nach zwei Jahren verbissenem Kampf.  Im Juni 1985  verläßt er Münster endgültig, im Zorn.



 
 
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