Mozart - Der tiefe Klang

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Mozart

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Wolfgang Amadeus Mozart

Mozart in Turkey
Verfilmung (Die Entführung aus dem Serail)

Figaros Hochzeit

Salzburg, Kleines Festspielhaus 1966
Don Giovanni
Kinofilm 1979
Metropolitan Opera New York 2000
La Clemenza di Tito
Rom 1980
Die Zauberflöte
Zürich 2000. St. Margarethen 1999.
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Mozart in Turkey

Die Entführung aus dem Serail
BBC-Verfilmung, DVD
mit Yelda Kodalli (Konstanze), Desirée Rancatore (Blonde), Paul Groves (Belmonte),
Lynton Atkinson (Pedrillo), Peter Rose (Osmin), Oliver Tobias (Bassa Selim)
Scottish Chamber Orchestra & Choir
Dirigent: Charles Mackerras
Inszenierung und Filmregie: Elijah Moshinsky und Mick Cáky

13.3.2005. Opern an Originalschauplätzen, das gibt es schon seit einiger Zeit: Turandot in Peking. Carmen in Sevilla. Aida in Luxor. Doch nicht immer ergibt das eine Vertiefung des Werks. Hier hat man Mozarts „Entführung“ nach Istanbul verlegt, in den Topkapi-Palast, die monumentale Haremsresidenz des türkischen Sultans Mehmed II. aus dem Jahr 1465.
Die DVD hat zwei Teile. Erstens: „Mozart in Turkey“. Eine Dokumentation des Werks und der Verfilmung (88 Min.).
Zweitens: „Music Highlights“. Hier kann man 24 einzelne Musikstücke (64 Min.) von Mozarts „Entführung“ direkt ansteuern. Ärgerlich: Manchmal wird die Musik vom Tonmeister einfach ausgeblendet oder Teile weggelassen, wie das umfangreiche Vorspiel zur kolosssalen Martern-Arie, die hier sofort mit dem Einsatz des Soprans beginnt.

Der prachtvolle Topkapi-Palast mit seinen verwinkelten Säulengängen und farbigen Ornamenten ist hier eine üppige Dekoration, wird aber so hell ausgeleuchtet wie für einen Hochglanz-Reiseprospekt. Vielleicht ist das ganze Unternehmen auch so gemeint, als Reklame für eine Urlaubsreise.
Denn die bunten Bilder dienen nicht der dramatischen Vertiefung der inneren und äußeren Handlung. Zwar tragen alle Mitwirkenden bunte Kostüme des 18. Jahrhunderts. Doch es reicht nicht, ein Werk einfach nur in den Orient zu verfrachten und zu denken, daß alles andere von selbst läuft. Die Personenführung ist recht unbeholfen und einfallslos, genauso die biedere Kameraführung. Die naiven Dialoge wirken komisch, auch weil sie zum Teil in einem sehr gebrochenen Deutsch gesprochen werden.
Mozarts leidenschaftliche Musik findet kein Echo in den schläfrigen Bildern, in den müden Posen, Arrangements und Tableaux.

Die Stimmen der beiden Damen sind in der Höhe etwas scharf, auch Pedrillo könnte mehr Volumen vertragen. Osmin (Peter Rose) erfreut mit klangschönem, schlanken Baß, und Belmonte (Paul Groves) ist ein erlesener Mozartsänger.
Der Dirigent Charles Mackerras findet einen wechselnd zarten und feurigen, herzbewegenden Mozart-Ton. Aber betrachtet man nur die Musik, so gibt es genug andere Aufnahmen von Mozarts lebhaftem Frühwerk.


Figaros Hochzeit
Salzburg, Kleines Festspielhaus, 11.8.1966


28.9.2003. Diese vor vier Jahrzehnten entstandene Aufzeichnung ist jetzt als DVD erschienen. Der Klang entspricht natürlich nicht den heutigen digitalen Ansprüchen. Es ist eine gut restaurierte Mono-Fassung. Auch das Schwarzweiß-Bild hat nur die Fernsehqualität der damaligen Zeit. Immerhin stammt die Aufzeichnung von Profis des Österreichischen Fernsehens.
Die Aufnahme ist ein Erlebnis durch einzelne Sänger, deren Stimmen man zwar von Schallplatten gut kennt, doch kaum von vollständigen Filmaufzeichnungen. Hier sieht man ein Weltklasse-Ensemble aus Salzburgs goldenen Tagen, das teilweise künstlerisch immer noch ein Maßstab ist, mit kraftvoller, individueller künstlerischer Eigenart:
Reri Grist (Susanna) mit flink zwitschernden Koloraturen. Walter Berry (Figaro), ein fulminanter Komödiant mit sattem Baßfundament, bis heute unerreicht.
Ingvar Wixell ist etwas blaß als Graf. Auch Claire Watson, mit klarer, geradliniger Stimme, bleibt eine etwas kühle Gräfin.
Doch dann ist da wieder Edith Mathis, in ihrer damaligen Paraderolle als verwirrter Jüngling Cherubino in Liebesnöten. Und dann poltert noch Karajans berühmter Alberich herum, Zoltan Kelemen als vehementer Bartolo.
Es ist ein Ensemble mit markanten Persönlichkeiten. Und eine wehmütige Erinnerung an eine andere Zeit, zwei Jahre vor dem revolutionären Jahr 1968, vor der Zertrümmerung der alten Autoritäten und (damals noch) lange vor dem ersten Auftritt der penetranten Regiemurksereien. Man sieht eine üppige Rokoko-Ausstattung, deren verschwenderische Pracht man hier leider nur in Schwarzweißbildern erahnen kann.
Altmeister Günther Rennert inszenierte, völlig werkgetreu, ein lebhaftes, natürliches Spiel. Die dramatischen Spannungen und die markanten einzelnen Charaktere werden deutlich herausgearbeitet, die Konstellationen und Beziehungen, die das fein gesponnene Intrigenspiel in Schwung bringen.
Mozartspezialist Karl Böhm dirigierte energisch, federnd, setzt dramatische Akzente, und kostet dabei die Eleganz und sphärenhafte Schönheit von Mozarts Musik  meisterhaft aus.
Insgesamt ist mit diesem Griff ins Archiv für jedermann ein Vergleich möglich - zwischen dem, was man vor 37 Jahren zustande brachte und dem, was man heute so zu sehen und zu hören bekommt. Die Archive der Sender sind noch voll. Bald werden wohl noch mehr Raritäten auftauchen.

Don Giovanni
Kinofilm 1979
mit Ruggero Raimondi (Don Giovanni), Edda Moser (Donna Anna), Kiri te Kanawa (Donna Elvira), Kenneth Riegel (Don Ottavio), Teresa Berganza (Zerlina)
Dirigent: Lorin Maazel
Regie: Joseph Losey

17.4.2005. Joseph Losey hat sich als Regisseur von unterschiedlichen Kinofilmen einen Namen gemacht. Viele Jahre lang schuf er Filmklassiker mit sozialkritischem und psychologischem Hintergrund, z.B. die poetische Literatur-Verfilmung von Ibsens "Nora" mit Jane Fonda.
Erst im Alter von siebzig Jahren wandte er sich dem großen Opernfilm zu. Sein vorletztes Werk war Mozarts Don Giovanni (1979), in Farbe, für die große Kinoleinwand. Die Möglichkeiten des Films sind eigentlich grenzenlos, wenn ein Meister des Genres sie nutzt und der Stoff ihn wirklich reizt und inspiriert.
Die Theaterbühne ist hier ganz verschwunden. Es gibt auch keine nachgebauten Studioszenen, sondern nur Großpanoramen der Natur und historischer Paläste.

Die Handlung wurde verlegt, von Spanien nach Norditalien, in vornehme venezianische Villen und deren idyllische Umgebung. Ausladende Landschaftspanoramen und Innenräume gehen unmerklich ineinander über. Viele Außenaufnahmen bringen natürliches Licht und frische Luft in die bewegte Handlung.
Und Naturzauber. Verdämmernde Abendstimmungen über Flüssen, die sich geheimnisvoll am Horizont verlieren. Venedigs labyrinthische Kanäle bei Nacht. Gleißende Sommerstimmungen in schattigen Parks. Barocke Feste in funkelnden Palästen. Alle Register der Filmkunst werden ausgiebig gezogen. Dabei ist der Bildschnitt nicht hektisch, sondern die Kamera gleitet ruhig durch die wechselnden Schauplätze, zeigt die Ereignisse aus vielfältigen Perspektiven. Ein verschwenderisches Fest der Farben und phantasievollen Kostüme. Die Fülle der äußeren Eindrücke erschlägt allerdings manchmal die Konzentration auf das innere Drama zwischen den Personen, hier hätten ein paar zurückhaltender gestaltete, visuelle Atempausen gut getan.

Die bekannten Sänger gestalten professionell die vielen Zwischentöne von Mozarts musikalischer Charakterisierungskunst, allerdings ohne ein starkes persönliches Eigengewicht.
Die optische Deutung der Titelfigur ist auffällig. Ganz versteinert, mit kalkweißem Gesicht stolziert der schneeweiß gekleidete Giovanni (Ruggero Raimondi) durch den Film, von Kopf bis Fuß eine starre, leblose Maske. Ein Mißverständnis. Denn die Text-Vorlage handelt zwar auch vom Untergang, von der betrüblichen Endzeit des unersättlichen Frauenhelden, aber Mozart hat ihm eine sehr feurige, sinnliche, außerordentlich lebendige Musik mitgegeben. Flirrende Musik, die kraftvolle Stimme und das versteinerte Erscheinungsbild passen also nicht zusammen, ausgerechnet bei der Hauptfigur. Sehr schade.
Die anderen Charaktere sind gut umgesetzt. Donna Anna (Edda Moser) als pechschwarzer Racheengel, die törichte Donna Elvira (Kiri te Kanawa) als maniriertes Püppchen mit hochtouperter Lockenfrisur, Don Ottavio (Kenneth Riegel) als farbloser, hölzerner Dummkopf. Nur die reife, mütterliche Teresa Berganza ist einfach nicht mehr in dem Alter des ahnungslosen Bauernmädchens Zerlina. Hier sind die Großaufnahmen unbarmherzig deutlich. Das dürfte einem Meister des Spielfilms wie Joseph Losey eigentlich nicht passieren.

Ernsthafter jedoch ist ein anderer Mangel. Trotz der phantasievollen Bildgestaltung, der vielen wechselnden Schauplätze und der ausgezeichneten Sänger ist es wieder der Dirigent, mit dem das anspruchsvolle Unternehmen nicht gelingt. Zur Anerkennung von Lorin Maazel ist festzuhalten, daß es von ihm vorbildliche Aufnahmen anderer Werke gibt. D
och hier enttäuscht er (wie auch in der Carmen-Verfilmung) mit eisiger technischer Perfektion. Da entsteht nur wenig musikalische Atmosphäre und emotionale Kraft. Keine Wärme, kein Geheimnis und auch nicht Mozarts Lächeln, nur kühle Klänge, wie in blitzenden scharfen Stahl gegossen.
Da der musikalische Teil wenig Freude bereitet, leidet darunter natürlich auch das ganze Unternehmen, denn die rauschhafte Bildgestaltung kann, von der Musik im Stich gelassen, keine Funken zünden.


Don Giovanni
Metropolitan Opera New York, Oktober 2000
mit Bryn Terfel (Don Giovanni), Renée Fleming (Donna Anna), Solveig Kringelborn (Elvira), Ferruccio Furlanetto (Leporello), Sergej Koptchak (Komtur), Paul Groves (Don Ottavio), Hei-Kyung Hong (Zerlina), John Relyea (Masetto)
Dirigent: James Levine
Inszenierung: Franco Zeffirelli

28.3.2005. Bei der Regie von Franco Zeffirelli weiß man von vornherein, daß pompöse historische Kostüme und naturalistische Dekorationen fällig sind. Man sieht Säulenhallen, Renaissancebauten, gemalte Landschaften und blaue Wolkenhimmel.
Gut ausgeleuchtet ist das bei Donna Elviras erstem Auftritt, "Ah! Chi mi dice mai." Auch das grandiose, hintergründige Quartett "Non ti fidar, o misera", hat äußerlich die pastellfarbene Klarheit einer barocken Schäfer-Idylle.
Doch viele andere Szenen sind zu dunkel. Eine Unsitte, die auch bei modernen Regisseuren beliebt ist. Wenigstens für die Filmaufzeichnung hätte man die Beleuchtung etwas mehr aufdrehen können.
Die Premiere war schon im Jahr 1990, zehn Jahre vor dieser Aufzeichnung. Die diskrete Abendregie sorgt immer noch für natürliche, flüssige Bewegungen.

Die Star-Solisten bereiten ein großes vokales Fest. Doch das ist zu wenig, bei diesem Stück. Don Giovanni, ein hoffnungsloses, düsteres Werk, verlangt Härte und pochende Dramatik, nicht nur balsamischen Schönklang.
Renée Flemings schwelgende Arabella-Stimme bleibt den hysterischen Koloraturen der rasenden Furie Donna Anna einiges schuldig. Auch dem rächenden Komtur (Sergej Koptchak) fehlt es an pechschwarzer Durchschlagskraft. Solveig Kringelborn (Elvira) klingt recht dünn und scharf. Ferruccio Furlanettos schlanker Baßbariton ist elegant und geschmeidig, aber man vergleicht ihn sofort, mit den polternden Kraftausbrüchen des unvergeßlichen Walter Berry. Auch für Mozarts groteske Tenor-Karikatur, den bekannten Langweiler Don Ottavio, wünscht man sich mehr scharfe Attacke, hier säuselt Paul Groves doch zu übertrieben vor sich hin.
Der hünenhafte Bryn Terfel bewältigt die Titelrolle schwerelos. Das edle, luxuriöse Stimmorgan unterschlägt allerdings einige scharfe Kanten dieser vielschichtigen Schurkenpartie.

Ähnliches gilt auch für die Ausstattung. Eine glatte Oberfläche aus historischem Zuckerguß wird Mozarts bitterem, finsteren Werk nicht gerecht. Die Lichtregie, die Auswahl der Dekorationen und Kostüme hätte stärkere Zeichen setzen können, ohne die Vorlage zu verfälschen.
Dieses abgründige Werk ist tückisch, zwiespältig und voll lauernder, dämonischer Klangfarben. Auch andere Meisterdirigenten sind nicht so recht damit klargekommen.
Der Dirigent James Levine wirkt bei den apokalyptischen Paukenschlägen der Ouvertüre zunächst äußerlich angegriffen und erschöpft, aber er entfaltet ein üppiges orchestrales Panorama. Wie zu erwarten, sind seine Tempi gemessen, manchmal zu langsam, aber er füllt die ausladende musikalische Gangart mit innerer Spannung. Durchhänger gibt es nur wenige. Es ist ein großformatiger, farbiger Gesamtklang, mit vielen sorgfältig herausgearbeiteten Details. Eine lyrische, poetische, romantisch schwelgende Deutung, die einige düstere Aspekte des Schauerdramas verschweigt, aber ein schlüssiges, respektables Gesamtbild ergibt.

Mozart, La Clemenza di Tito
mit Tatiana Troyanos (Sesto), Catherine Malfitano (Servilia),
Carol Neblett (Vitellia), Anne Howells (Annio),
Eric Tappy (Tito), Kurt Rydl (Publio)
Wiener Philharmoniker
Dirigent: James Levine
Regie: Jean-Pierre Ponnelle
DVD, 2.15 Std.

2.7.2006. Mozarts bedeutendes, kraftvolles Spätwerk wurde von Jean-Pierre Ponnelle im Jahr 1980 in der Kaiserstadt Rom verfilmt, am Titus-Bogen auf dem Forum Romanum, in den Caracalla-Thermen und in den lauschigen Gärten der Villa Adriana in Tivoli. Umgeben von antiken Statuen und Gebäuden, in heiteren arkadischen Landschaften, geht das lebhafte Geschehen seinen Gang. Giovanni Agostinucci schuf die zusätzliche Ausstattung, die behutsam die idyllischen Naturbilder ergänzt. Pet Halmen zauberte farbenprächtige Barock-Kostüme, die sich bruchlos in das starke Gesamtbild einfügen. Federico Fellinis Mitarbeiter Carlo di Palma fing mit der Filmkamera die verzauberte Atmosphäre ein.
Gedreht wurde oft nachts, um zusätzliche Lichtwirkungen zu erzielen, so dass man die Gefahr eines plakativen Naturalismus vermeiden konnte und der poetischen Phantasie viel Raum bleibt. Einzelne Filmtricks, etwa das brennende Rom am Schluß des ersten Aktes, sind etwas zu theatralisch dick aufgetragen. Aber der Gesamteindruck begeistert.
Eine luxuriöse Sängerbesetzung schöpft aus dem Vollen. Man muß keinen einzelnen Star hervorheben, hier zählt eine geschlossene, hinreißende Ensemble-Leistung.

Dirigent James Levine fügt einen voluminösen, hoch emotionalen Orchesterklang hinzu - das souveräne Gegenteil zur eiskalten Originalklang-Ideologie. Die ganze Bandbreite von Mozarts Elysium erschallt, von empfindsamen Liebesseufzern bis hin zu den triumphalen Ensembleszenen, in denen immer die wehmütigen Schatten einer abgründigen Melancholie durchklingen.
Wer die Aufzeichnungen von Ponnelles berühmten Züricher Monteverdi-Inszenierungen kennt, weiß, was ihn hier erwartet: Ein Panorama visueller Einfälle, die niemals das Stück verfälschen oder ihm Gewalt antun. Ponnelles reiche Phantasie erklimmt die gleichen Bergesgipfel wie Mozarts reife musikalische Klangsprache, die der Komponist 1791, am Ende seines Lebens, für den Tito entwickelte, zur gleichen Zeit, als er auch seinen berühmten musikdramatischen Schlußstein schuf, die Zauberflöte.  

Die Zauberflöte
Zürich 2000
Dirigent: Franz Welser-Möst, Regie: Jonathan Miller


8.6.2003. Man hört gute Sänger. Elena Mosuc, Malin Hartelius, Anton Scharinger, Piotr Beczala, Matti Salminen. Ein funktionierendes Ensemble, wenn auch ohne herausragende Einzelleistungen.
Dazu paßt das kühle Dirigat von Welser-Möst, alles ist sehr exakt und rhythmisch, aber die phantastischen, märchenhaften Elemente fehlen.
Dafür gibt es eine intellektualisierende Ausstattung. Die Inszenierung spielt in einer französischen Bibliothek mit wandhohen Bücherregalen. Die Handlung wird in die Entstehungszeit des Werks versetzt. Man verlangt (wieder einmal) quasi literarische Vorkenntnisse, was der Regisseur sich so alles gedacht hat, bei den steifen Kostümen mit den Trikolore-Schärpen und den Möbeln aus napoleonischer Zeit. Auch Kenntnisse über Bonapartes historische Expedition nach Ägypten werden vorausgesetzt.
„O Isis und Osiris“ hört man in einem Ambiente wie bei einer Freimaurer-Zeremonie. (Aha, Mozart war Freimaurer, wer hätte das gedacht!)
Dann sieht man wieder mitten in der Bibliothek große Obelisken, herumrollende Pyramiden und Eingänge zu Grabkammern im bläulichen Halbdunkel.
Alles ist sehr pingelig ausgeklügelt, wie von Professor Schlaumeier. Aber der verspielte Märchenton, den z.B. die Münchner Everding-Inszenierung ausstrahlte, fehlt hier ganz, und die vielen Möglichkeiten für atmosphärische Verwandlungen und einen naiven Theaterzauber werden auch verschenkt. Alles strahlt eine ungewohnte, unbehagliche Kälte aus.


Die Zauberflöte
St. Margarethen 1999

12.10.2003. Eine DVD von der „größten Freilichtbühne Europas.“ Mehr wird auf der Hülle nicht verraten. Erst beim Anschauen erfährt man, daß es der Römersteinbruch im österreichischen St. Margareten ist. Eine Naturbühne aus Felsruinen und wild wuchernden Sträuchern.
Der Text der Inhaltsangabe wird während der Ouvertüre eingeblendet und gleichzeitig von einer Frauenstimme gesprochen, so daß die Musik dabei nur noch ganz leise zu hören ist. Eine ordinäre Zumutung, aber danach kann man sich ungestört dem Stück widmen. Man hört gute Sänger. Michael Kurz (Tamino), eine lyrische, etwas enge Tenorstimme. Erika Miklosa (Königin der Nacht) mit angenehmen, federleichten Koloraturen. Papageno (Sebastian Holecek) erinnert auch darstellerisch etwas an Hermann Prey. Maxim Mihailov (Sarastro), ein saftig orgelnder Baß. Nur Birgit Beer (Pamina) klingt etwas scharf. Aber alle anderen, die drei  Damen, die sonstigen Kleindarsteller und der Chor - zwar keine Stars, aber sehr ansprechende Stimmen.
Michael Lessky dirigiert schwungvoll ein Orchester mit Teilnehmern aus Österreich, Ungarn und Italien. Die Aufführung ist gut geeignet zum Kennenlernen des Werks. Sie wurde mit vielen Perspektivwechseln direkt von der Bühne abgefilmt. Die unendlichen Möglichkeiten des eigenständigen Films werden aber nicht ausgeschöpft, weder in der Tricktechnik noch bei den Kamerafahrten.
Regisseur Robert Herzl verzichtet auf jeden intellektuellen Anspruch. Er behandelt die Märchenoper als buntes Kindertheater. Die Bilder haften an einer sehr banalen Oberfläche, haben keinen Tiefgang, bleiben aber im Rahmen des Librettos.
Die Ausstattung ist wie aus dem Kasperletheater. Eine turmhohe Pappschlange mit zwei Köpfen. Grellgeschminkte Darsteller. Die Kostüme direkt aus dem Farbtopf, ein kunterbuntes Durcheinander. Ständig sind viele Statisten im Einsatz, um die Bühne zu bevölkern. Lebende Pferde reiten vorbei. Echte Lagerfeuer. Meterhohe Flammenwände. Nebelwolken. Springbrunnen. Kein Knalleffekt wird ausgelassen. Die Königin der Nacht rauscht herbei auf einer silbernen Mondsichel, über einem fünfstöckigen, sternenfunkelnden Palast, der sich im wechselnden Licht auch als Sarastros Sonnentempel einsetzen läßt. Insgesamt erlebt man eine explodierende Phantasie. So ungeniert naiv sieht man das Stück selten, aber als interessanter Einzelfall hat diese Art von Exotik auch ihren Reiz.
Und die Aufnahmetechnik schreitet voran. Das Format der Fernsehbilder daheim wird immer gewaltiger und brillanter, wie im Kino. So nach und nach kann man sich ein hochwertiges persönliches Archiv mit den DVDs der Opernklassiker zusammenstellen, mit allen denkbaren Varianten. Auch eine Alternative.




 
 
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