Margot Werner - Der tiefe Klang

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Margot Werner

Unterwegs


Margot Werner

Am 1. Juli 2012 starb Margot Werner auf tragische Weise in München. Im persönlichen Gespräch war sie immer liebenswürdig und zurückhaltend.

Sie verkörperte eine Zeit, die längst verschwunden ist.  

 

Früher hieß es in München: “Leben und leben lassen.” Aber das einst gemütliche Millionendorf wird immer mehr zum Zweitwohnsitz für Millionäre und Karrieristen.
Das war früher anders.
“Kay’s Bistro” am Viktualienmarkt war bis Ende 2004 das zweite Wohnzimmer weltberühmter Leute, aber kein Treffpunkt für Angeber und Neureiche. Es gab noch nicht einmal einen Türsteher. Wer meinte, er müsste dort seine Zeit verbringen, konnte das auch, ohne abgewiesen oder dumm angeschaut zu werden. Kay  Wörsching ist ein unkomplizierter Mensch.

In seinem Bistro trat auch Margot Werner gern auf.  

Beide habe ich gestern Nachmittag zufällig in der Münchner Altstadt getroffen und mit ihnen gesprochen. Das sind Künstler, Entertainer,  bekannte Zeitgenossen ohne jede Arroganz, die auch bei Zufallstreffen angenehm und aufmerksam sind.

28.5.2011. Schickeria. Große Abendgarderoben. Die Glamour-Gesellschaft gibt es bei den Bayreuther und Münchner Opernpremieren immer noch. Aber die Hauptsache, die künstlerische Qualität der Inszenierungen, leidet und ist oft zum Tummelplatz von nervenden Selbstdarstellern des Regietheaters geworden.  
Der große gesellschaftliche Anspruch fällt kraftlos in sich zusammen, wenn der künstlerische Anspruch nur noch als schillernde Seifenblase an der Oberfläche glitzert. Auch das gähnende Publikum schluckt meistens applaudierend und kritiklos, was auf dem goldgerahmten Teller serviert wird. Am wichtigsten sind für manche Besucher die Pausen, in denen man seine Garderobe zeigt und oberflächlichen Tratsch verbreitet.

Nostalgische Bilder erinnern an ganz andere Zeiten und ein Lebensgefühl, das nicht von Wichtigtuerei  und Angeberei dominiert war. Kay Wörsching ist in München  allseits bekannt:

http://www.welt.de/print-wams/article617926/Das_Wohnzimmer_der_Stars.html

http://www.youtube.com/watch?v=hYblpJQIfAQ


Und hier Margot Werner:

http://de.wikipedia.org/wiki/Margot_Werner


http://www.youtube.com/watch?v=J65uMt5RGh8

Wenn man heute mit solchen Zeitgenossen / Zeitzeugen spricht, die allein durch ihre starken Persönlichkeiten wirken, erinnert man sich auch an menschlichere Jahre - ohne massive “Gentrifizierung” (Veredlung) : Das ist in den Großstädten die Vertreibung  der Normalbürger durch Superreiche und Finanzinvestoren.
Die letzte Buchhandlung an der Münchner Maximilianstraße hat bereits vor Jahren geschlossen. Geist flieht vor Protz.
An Deutschlands teuerster Einkaufsmeile reiht sich mittlerweile eine exklusive Modeboutique an die andere. Luxus-Immobiliensanierungen vertreiben auch die alteingesessenen Bewohner ärmerer Stadtviertel.

Eine Welt, die das menschliche Gleichgewicht verloren hat, gerät aus den Fugen, verliert ihre Form und erzeugt Spannungen.

30.9.2010. Schräg gegenüber vom Münchner Luxushotel „Bayerischer Hof“ liegt, hinter einem unauffälligen Hausdurchgang, die schicke Pizzeria „H’ugo’s“, wo wichtige Leute wie die bekannten Fußballer des FC Bayern Stammgäste sind. Auf der offenen Terrasse sind die meisten Marmor-Tische mit feinen Weingläsern und frischen Rosen gedeckt, so dass langweilige Biertrinker gleich abgeschreckt werden.
Im Hintergrund läuft manchmal getragene Klaviermusik vom Band. Aber dominierend ist der vielfältige Klang der menschlichen Stimmen, das Summen, Kichern, Schwirren und Schlürfen. Ein archaischer Chor aus prähistorischer Urzeit.

Zwei Tische weiter speiste ein vornehmes älteres Ehepaar. Der Mann ging fort, und seine etwa sechzigjährige Tischdame, mit einem gepflegten weißen Trachtenanzug, prostete mir unbekannterweise herzhaft zu, mit ihrem luxuriösen Champagnerglas „Moet et Chandon“. Dann rief sie, „Darf ich mich zu Ihnen setzen?“
Schon war sie da, leider in einem stark angetrunkenen Zustand und schüttete ihr Herz über privateste Dinge aus, bis ich höflich sagte, „Sie brauchen jetzt wohl ein Taxi.“ Rasch schaltete sich der aufmerksame Kellner ein und führte sie zum nahen Taxistand.
Reichtum ist oft mit Unzufriedenheit und Einsamkeit verbunden, hinter den Glitzerfassaden der Millionärsvillen. Auf dem Tisch zurück blieb die Rechnung, bereits frühzeitig von ihr selbst bezahlt, mit vier kleinen Gläsern Moet et Chandon à 13,50, in der Summe 54 Euro. Vom Winde verweht.

Gestern kam ich drauf, woher die Dame mich kennt.
Mit der treuen Bayreuth-Besucherin Margot Werner habe ich schon öfter ausführliche Gespräche in einem ihrer Stammlokale geführt.
Dort sah ich gestern die vornehme Dame aus der Pizzeria wieder, die sich offensichtlich genau merkt, wer links und rechts vorbeigeht.

Margot Werners temperamentvolle Auftritte auf dem Roten Teppich gehören zur jährlichen Premiere in Bayreuth. Aber das ist Teil der öffentlichen Show für die Medien. Im persönlichen Gespräch ist sie sehr bescheiden, hat viele spannende Anekdoten zu erzählen und kennt sich mit der Wagnermusik bestens aus. Bevor sie Chansonsängerin wurde, hat sie viele Jahre als Ballett-Tänzerin auf der Bühne der Münchner Staatsoper das Publikum begeistert.

Doch  in Bayreuth spielen die künstlerischen Perspektiven nicht mehr die Hauptsache. Stattdessen führt der pompöse, oberflächliche Schnickschnack des Marketings, des exklusiven gesellschaftlichen Luxusangebots, mittlerweile immer weiter fort von der Hauptsache. Das einzig Wichtige – die Ergründung der Wunderwerke Richard Wagners – leidet dabei unter nervenden Inszenierungen von Selbstdarstellern.
Bei der Konzentration auf große Musik dürften die riesigen Abendroben der Damen eher eine Belastung sein, in der Höllenhitze und in den engen Folterstühlen.


Margot Werner macht nicht nur auf  dem Bayreuther Roten Teppich eine gute Figur, sondern sie liebt auch die Wagnermusik. Mit ihrer tiefen Stimme singt sie gern eine eindrucksvolle Passage aus dem zweiten Akt der Walküre: “Zu Wotans Willen sprichst du, sagst du mir, was du willst. Wer  bin ich, wär ich dein Willen nicht?”


Und die Interpretation dieser zwei Sätze ist auch interessant. Sie bedeuten eine große Vertrautheit, die  tiefe geistige Verbindung eines Menschen mit einem anderen.  Bei Richard Wagner ist das oft auch die Unio Mystica. Die geheimnisvolle Vereinigung mit Gott.
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“Die Sehnsucht nach dem Unerreichbaren”, heißt das Erinnerungsbuch der Sängerin  Anja Silja, deren Name mit Wieland Wagner und Bayreuths Goldenen Jahren von 1951 bis 1966 fest verbunden ist. Lange ist das her …

Das Unerreichbare, die Sehnsucht – das  ist ein Maßstab für die große Kunst, die sich mit dem Mittelmäßigen nicht zufrieden gibt, aber auch um ihre Grenzen weiß.

“Kennst du das Land, wo die Zitronen blühen,
im dunklen Laub die Goldorangen glühn?
Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht.
Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht.

Kennst du es wohl? Dahin!
Dahin möcht’ ich mit dir, o mein Geliebter, ziehen.
Kennst du das Haus? Auf Säulen ruht sein Dach,
Es glänzt der Saal, es schimmert das Gemach. …

Kennst du den Berg und seinen Wolkensteg?  
Das Maultier sucht im Nebel seinen Weg.
In Höhlen wohnt der Drachen alte Brut.
Es stürzt der Fels und über ihn die Flut.

Kennst du ihn wohl? Dahin! Dahin geht unser Weg!”

(Goethe, Mignon)


 
 
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