Giuseppe di Stefano 1991 - Der tiefe Klang

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Giuseppe di Stefano 1991

Unterwegs


Giuseppe di Stefano, Kay's Bistro

5.6.1991. Die riesige, hässliche Philharmonie im Gasteig ist nur zu zwei Dritteln besetzt.  Um 20.00 Uhr kommen durch eine Seitentür von links die Künstler herein. Ein Sinfonieorchester. Ein kleiner gemischter Chor. Dazu ein launig plaudernder Conferencier in weißer Jacke.
,,Festival Napoletano“. Es singen nacheinander zwei rauh krächzende und zwei herrlich schmetternde Tenöre. Erst kurz vor der Pause erscheint der Organisator des Abends selbst. Eine Persönlichkeit der Musikgeschichte. Bei seinem Erscheinen stehen die Orchestermusiker respektvoll auf. Der Tenor Giuseppe di Stefano.
Die Höhepunkte seiner Karriere waren bereits vor mehr als dreißig Jahren. Doch viele Schallplatten bewahren seine lyrische Stimme. Aufnahmen mit Herbert von Karajan und anderen weltbekannten Dirigenten. Vor allem war er - von 1952 bis 1973 - langjähriger Partner der unvergleichlichen Jahrhundert-Sängerin Maria Callas, die schon vor vierzehn Jahren, im September 1977, den Herztod starb. Sie hatte ihre  Stimme verloren. Die Karriere war  erloschen. Ihre letzten Jahre lebte sie einsam in Paris.
Heute abend im Münchner Gasteig hat der berühmte Tenor längst weiße Haare, aber tiefschwarze, dichte Brauen und lebhafte Augen. Er ist vital und rüstig, singt mit brüchiger, aber immer noch angenehmer Stimme zwei bekannte süditalienische Lieder.
Bei den vielen temperamentvollen, leidenschaftlichen Stücken des Abends geht das Publikum begeistert mit.

Anschließend in Hochstimmung, eilen wir zu dem bunten Prominentenlokal ,,Kay‘s Bistro“ am Viktualienmarkt. Dort ist auch heute die Innen-Dekoration ganz neu und aufwändig umgestaltet. Die Kellner tragen lange weiße Schürzen im italienischen Stil. Vor uns umrahmen massive Bühnenscheinwerfer ein weißes Klavier.
Wir bestellen den ,,Liz-Taylor“-Drink, ein bläßlich grünes Whisky-Gemisch, außerdem den exotischen ,,Marlene“-Früchtecocktail ,,The boys in the backroom“. Ringsum herrscht eine farbenfrohe, elegante Atmosphäre. Auf zwei Wände werden laufend stumme Filmausschnitte projiziert, mit alten Hollywood-Stars.
Und dann geschieht die größte Überraschung: Plötzlich kommen die Solisten des gerade erlebten neapolitanischen Abends herein. Sogar - mit ein paar Minuten Verspätung, auch Giuseppe di Stefano.
Als er ganz nah, auf Tuchfühlung, bei uns vorbeikommt, sage ich begeistert, ,,Maestro!“. Da drückt er mir wie selbstverständlich gleich freundlich die Hand und gibt ein Autogramm, auf die Eintrittskarte zum Gasteig-Konzert.
Nun sitzen die Sänger direkt vor uns, gemeinsam an einem langen Tisch, essen und trinken. Später gehen zwei der Tenöre zum weißen Klavier und singen spontan einige Canzoni Napoletane. Als ich ihnen in einer Kurzpause zurufe, ,,Core‘ ngrato“, wird der Wunsch nach diesem sehnsuchtsvollen Lied gleich erfüllt.
Als die Sänger sich zurücksetzen zu ihren Kollegen, werden über Lautsprecher die alten Studioaufnahmen von di Stefano gespielt. Und gleichzeitig ist er persönlich ganz nah. Wir sitzen uns von Angesicht zu Angesicht gegenüber, nur zehn Meter voneinander getrennt. Eine Persönlichkeit aus dem farbigen Reich der Musik.
Als alle Musiker endgültig fort sind, sind wir noch auf dem Gipfel einer beschwingten, frohen Hochstimmung. Es ist kurz vor zwei Uhr früh. Das Lokal schließt. Wir sind fast die letzten Gäste.

5.9.12. Mittwoch. "Kay's Bistro" war bis Anfang 2005, fast 15 Jahre lang, ein angenehmes Prominentenlokal am Viktualienmarkt, ohne abweisenden Türsteher.
Drinnen gab es eine farbenprächtige Dekoration mit ständig wechselnden Themen. Die  Stars der Klatschspalten gingen aus und ein, freuten sich auf die Presseberichte am übernächsten Tag. Glanz und Glamour. Plüsch und Plunder. Pompös und romantisch, auch aus der Ferne attraktiv und exotisch anzuschauen.
Die Zeiten ändern sich. Heute gibt es von dem Glitzerlokal nur noch eine Miniaturausgabe. Zehn Barhocker an einer kleinen Theke in der Innenstadt, wo der Chef Kay Wörsching gelegentlich auch selbst noch den Prosecco hinstellt.
Und an der Wand hängen die gerahmten Photos der einstigen Stargäste: Gina Lollobrigida. Milva. Caterina Valente. Melancholie der Vergänglichkeit.
Der Nachhall verwehter Träume. Gelbe Papierrosen. Eine andere Zeit.
Auch wer nie da war, aber damals bewundert wurde, ist auf den Bildern zu sehen:
Elizabeth Taylor. Edith Piaf. Maurice Chevalier. Josephine Baker. Renata Tebaldi.
Maria Callas, deren häufigen Opern-Partner Giuseppe di Stefano ich im alten Bistro einmal selbst erlebt habe, wie am Anfang dieses Artikels bereits berichtet. Das ist jetzt auch schon über zwanzig Jahre her.

In Kay's Bistro trat auch die Chansonsängerin Margot Werner auf, die am 1.7.2012 auf tragische Weise in München starb.

Hier sind  ein paar Erinnerungen "Nostalgische Bilder".


 
 
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