Venedig 1984 - Im Schatten der spiegelnden Seen

Suchen
Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü

Venedig 1984

Episoden > Reisen, Ausflüge > Europa



Venezianisches Licht
Nürnberg. Venedig. München-Thalkirchen.

26.6.1984. Dienstag. Nürnberg. Ein regengrauer Morgenhimmel. Wir kommen direkt an den klotzigen Ruinen des früheren Reichsparteitagsgeländes vorbei, mit klobigen Mauern und wuchtigen Tribünen. Trotz der Zerstörungen erkennt man noch deutlich die bombastischen Ausmaße des Aufmarschplatzes, den Regisseurin Leni Riefenstahl dam als als Kulisse für ein hypnotisches Filmspektakel benutzte. Mühelos kann man sich immer noch uniforme Menschenmassen vorstellen, die unter Fanfarengeschmetter eine jubelnde Gasse für den Diktator Hitler bilden.

Ein Hotelzimmer in der Stadt, an der historischen Stadtmauer. Erst nach dem Bezug des schlichten Raums mit seiner abgenutzter Möblierung entdecken wir, daß wir im Nürnberger Rotlichtviertel gelandet sind.  Die Empfangsdame trägt ein frivol  bis zur Hüfte hochgeschlitztes  Kleid, benimmt sich aber wohltuend unaufdringlich.
Nürnberg kannte ich bisher nur aus Büchern und Filmen, die ein verlockendes Bild schufen und lange schon Sehnsucht weckten nach dieser alten Stadt.
Im Bombenhagel des verlorenen letzten Weltkriegs verschwand ein großer Teil des berühmten Stadtbilds. Ein paar Glanzlichter entstanden wieder: Die hochragende Kaiserburg, die Lorenzkirche, der Schöne Brunnen am Markt, das spitzgiebelige Dürerhaus mit Erkern und Türmchen, außerdem einige Fachwerkhäuser und Reste der alten Stadtmauer. Dazwischen ragen jetzt häßliche Narben moderner Fließbandarchitektur. Mittendurch zieht sich ein nüchternes Einkaufszentrum.

27.6. Mittwoch. Unter einem postkartenblauen Urlaubshimmel verwandeln sich  die schwungvollen, grünbewachsenen Alpen unmerklich in die schroffen grauen Dolomiten.
Als wir die Autobahn hinter Venedig verlassen, verlangt der Kassierer eine gepfefferte Mautgebühr, die wir zweifelnd und schimpfend kommentieren.
Endlich Cavallino.  Angelockt durch eine auffällige Reklame im Campingführer, halten wir vor dem Campingplatz "Europa". Vor der Einfahrt schreien riesige bunte Schilder.
Das große, ausgeliehene Familienzelt bauen wir nur zwanzig Meter vom Meer entfernt auf.

 

28.6. Donnerstag. Gemütlich knattert das Schiff auf dem schwach kräuselnden Wasser der Lagune dahin, hält kurz am Lido und dringt dann gemächlich in das weit offene Panorama von Venedig ein.  
Schon von weitem prunkt die architektonische Schatzkammer mit den schlanken Säulen und den feinen Arabesken des Dogenpalastes, dem ziegelroten Campanile und der markanten Silhouette des Löwen von San Marco. Heiß  knallt am Kai die Sonne auf die Pflastersteine, die Hitze speichern und kräftig wieder zurückstrahlen.
Palazzo Vendramin. Richard Wagners Sterbehaus. Die Tür steht offen. Ein leerer Innenhof mit einer weißen Frauenstatue.

Im Hauptgebäude öffnet sich eine breite düstere Eingangshalle mit imposanter  Treppe und einem Ausgang direkt zum Canale Grande. Trübes Wasser schaukelt an den blaugoldenen Masten des Landestegs.
Hoch in den ersten Stock führt eine breite Treppe.  Dann folgen verschlossene Türen.  In diesem alten, düsteren Treppenhaus kann man nachempfinden, wie Wagner damals mit Cosima  hinabschritt zu seinen letzten Spaziergängen, bis schließlich eine schwarze Trauergondel vorfuhr.

17.30 Uhr.  Ein Bummel über den Campingplatz. Draußen vor dem Eingang funkelt  ein Lunapark mit  bunten Lichtern.  Karussels.  Eine Geisterbahn, Schiffschaukel, Auto-Scooter, Glücksspiele und Zuckerwatte. Urlauber haben Zeit, und das Kleingeld liegt locker in der Tasche.

 

29.6. Freitag. In einer sanften Brise trägt uns das weiße Schiff zum Markusplatz.  In einem Palazzo ist eine Ausstellung über den Wiener Surrealisten Ernst Fuchs. Wir sehen magische Gemälde von Sagengestalten. Aus prunkvollen Rahmen schauen Lohengrin und Telramund streng vor sich hin. Ihre Häupter sind von Schlangen gekrönt, die das unruhig Dämonische der menschlichen Psyche symbolisieren. Grelle Farben brennen  bizarr, beunruhigend wie düstere Träume. Süchtige Bilder, wie ein ekstatisches Schreien und Singen. Tatsächlich klingt aus unauffälligen Lautsprechern ständig die summende und klagende Stimme des Malers selbst, in selbstkomponierten, murmelnden Sprechmelodien.

Unter den Säulengängen des Markusplatzes betreten wir das Café Florian.  Hier soll schon Casanova gesessen haben, nach seiner Flucht aus den Bleikammern, Venedigs Stadtgefängnis. Auch Lord Byron und Goethe sahen schon dieses altbraune Mobiliar, die bunten Wandbilder mit orientalischen Phantasieszenen.
Der Kellner kassiert das Fünffache des üblichen Betrags, dazu noch einen satten Zuschlag für das kleine Orchester draußen, dessen schmalzende Violinen Evergreens fiedeln.
Dann bringt uns ein weißes Motorschiff, der "Linienbus", zum Canale Grande. Kreuz und quer kurven wir durch die Kanäle. Traumhafte Szenerien ziehen vorbei.  Prunkvolle Paläste, Brücken, leuchtende Blumenwinkel. Alles wird umspült vom trüben, braungrünen Wasser.

 

Am Bahnhof steigen wir aus und wandern die belebte Ladenstraße entlang. Die Räume im nahen Palazzo Vendramin sind heute geöffnet. Plakate werben draußen für eine Gemäldeausstellung.  Die große dämmerige Eingangshalle durchqueren wir und treten auf der Kanalseite ins Freie, auf  einen Landungssteg. An der Außenwand ist ein weißes Relief mit einer Inschrift zum Gedenken an Richard Wagner.  
Weiter geht es, eine breite Treppe hoch. In der Kunstausstellung mit bunten, abstrakten Bildern fragen wir ein nettes Mädchen nach Richard Wagners Sterbezimmer. Sie sagt, "Da - nebenan."
Der Raum ist  voll  mit weißen Stellwänden und modernen Bildern voll verschmierter Farbkleckse. Der Blick aus einem schmalen Fenster geht auf einen lieblichen Sommergarten und den breiten Kanal.

Am Fenster, in einer Ecke, steht eine schwere dunkle Büste des deutschen Musikgiganten. Eine Gedenktafel an der Zimmerwand erinnert daran, daß der Meister unvergleichlicher, tiefgründiger Musikdramen an dieser Stelle tot zusammenbrach. Bewegende Augenblicke vergehen im Gedenken an diese Persönlichkeit, die ein musikalisches Wunderwerk voll gewaltiger Bilder und Klänge der Menschheit geschenkt hat.
Im Linienboot fahren wir zur Accademia. Dahinter verzaubern verträumte Gassen.
Weiße Ozeandampfer ziehen vorbei. Nicht weit entfernt liegt ein mächtiges Schiff mit dem roten Sowjetstern, die "Aserbeidschan". Gerade kommen uns zwei russische Matrosen entgegen.  Sie haben blasse Gesichter, eine pickelige Haut, wohl auch durch die mäßige Bordküche.  

An den grellbunten Auslagen der Souvenirgeschäfte funkeln goldene Plastikgondeln, Kopftücher mit bunt aufgedrucktem Campanile und die breiten roten Schärpen der Strohhüte, die Gondoliere tragen.
Wir streifen langsam diese Ladenstraße entlang, hungrig nach einer Trattoria lauernd, bis wir schließlich müde und überdrüssig auf das nächstbeste Ristorante zusteuern.  Drinnen sehen wir schneeweiße Tischdecken und Kellner mit gestärkten Hemden, feinen schwarzen Hosen und blitzenden Lackschuhen. Doch das überteuerte Essen schmeckt scheußlich. Ein ganz schmaler Streifen Fleisch mit viel glibberigem Fett. Der eklige Fraß kostet saftige 23.000 Lire. Der unappetittliche, schmuddelige Koch lauert mit seiner bulligen Visage immer wieder in den Gastraum. Ungeniert zeigt er ein eingefrorenes, hämisches Dauergrinsen. Eine qualmende Zigarette klemmt schief in seinem Mundwinkel.  

Abends im Restaurant vor dem Campingplatz. Unvermutet peitschen Sturmböen hoch, zerren kräftig an den blaubunt gestreiften Planen der Terrasse.  
Unser Zelt am Meeresstrand verbiegt sich schräg und schief in derben Windstößen, die große Luftbeulen in die Stoffwände drücken und schlagen. Die Stahlheringe, die das Zelt am Boden festhalten, sind schon locker oder aus ihrer Verankerung gerissen. Zuerst versuche ich, sie wieder festzuhämmern. Doch der Sturm drückt sie achtlos wieder aus dem lockeren Sandboden heraus.  Schließlich setze ich mich von innen an die Plastiktür, trete mit beiden Füßen auf die flatternden und zuckenden Zeltplanen. So ist wenigstens der vordere Teil des Zelts stabil, zum Meer hin. Zum Glück regnet es nicht. Das Wasser wäre problemlos von unten eingedrungen und voll über unsere herumstehenden Kleidungsstücke und Gepäckstücke gerauscht.  

30.6. Samstag. Mit dem Linienboot geht es zügig durch die morbide Pracht des Canale Grande. Wieder blitzen ringsum verschwenderische Bilder auf. Kostbare Fassaden in leuchtenden Farben. Momentaufnahmen lärmenden venezianischen Alltagslebens. Das moderne Gebäude des Guggenheim-Museums zieht rasch vorbei. Die überfüllte weiße Rialto-Brücke. Gondeln voller Touristen.  
Noch vor dem Markusplatz öffnet sich wie ein Theater-Vorhang das weite Meeres-Panorama mit großen weißen Ozeandampfern aus aller Welt.
Durch enge Seitengassen bummeln wir, die kostspielige Schaufensterwaren ausstellen. Selten sind es echte Stücke, dazwischen drängt sich viel  teurer  Flitter und Ramsch.
Auf das Risiko eines miesen und teuren Abendessens verzichten wir in Venedigs Innenstadt und eilen früh zurück zum Schiff.

Vor uns an der Reling sitzt eine fröhliche italienische Familie im Sonntagsstaat. Arbeiter mit gegerbten Gesichtern,  in denen ein Widerschein des schönen Sommertags, der zauberhaften alten Stadt leuchtend sich spiegelt. Die dicke Mamma im schreiendroten Kleid wippt zufrieden mit schweren Beinen und plaudert fröhlich mit dem jungen Ehepaar, das sich sorgfältig und gepflegt mit einfachen Mitteln herausstaffiert hat.

Im Lunapark schießen wir stimmungsvolle Photos in der Abenddämmerung, als die ersten bunten Lichter aufflammen. Die Attraktionen sind austauschbar mit jedem anderen europäischen Jahrmarkt. Immer mehr wird das internationale Leben geprägt von der Massenkultur, einer austauschbaren Angleichung unterschiedlicher Lebensformen.  Nationale Eigenarten verwischen sich undeutlich. Der farbige Zauber kultureller Eigenarten wird zerstört.

3.7.84. Dienstag. Wieder ein ruhiger, klarer Sommertag.  Verträumt und morgenstill ist der Canale Grande.  In betörender Schönheit prunken Villen und Paläste. Heitere Ruhe liegt über der Stadt.
Ein schläfriger junger Gondoliere liegt unter einer Brücke, in seiner schwarzen Prachtbarke mit roten Samtsitzen. Träge gähnt er unter seinem hellen Strohhut in die Mittagshitze.  
In einfachen Straßencafés sitzen venezianische Arbeiter-Ehepaare mit ausgelaugten Gesichtern. Hier weckt auch ein schreiender Obstverkäufer keine besondere Aufmerksamkeit.
Vor den Schiffsanlegestellen am Dogenpalast bieten Kunststudenten Ölbilder an. Gleich daneben ist ein lauschiger kleiner Park mit vielen weißen Ruhebänken. Dort pausieren still zwei junge Männer.  Der eine hat seinen Kopf schlummernd dem anderen in den Schoß gelegt.
Andere Männer wandern ruhelos mit hungrigen Blicken zwischen den dichten Büschen hin und her, auf der Suche nach raschen körperlichen Kontakten.

Ohne Vorwarnung setzt kräftiger Platzregen mit festen Hagelkörnern  ein. Die Erwachsenen flüchten unter einen mächtigen schützenden Laubbaum. Die Kinder toben ungerührt weiter. Nach einer Weile drängen sie durchnässt unter das dichte breite Laubdach. "Ennio! Ennio!" Mit piepsender Stimme ruft ein schmuddeliger Alter immer wieder nach einem anderen Greis, bis der auch unter den Regenschutz kommt.
Als die weißkörnigen Hagelschauer nachlassen, eilen alle schnatternd durch den Parkausgang davon.

 

Vom Dogenpalast platschen Sturzbäche aus übervollen Regenrinnen. Kalter Wind sprüht Feuchtigkeit unter die Bögen. Tauben schwirren unruhig im scharfen Sturzflug  auf die alten Gemäuer los. Sie ducken sich in schmalen Mauerritzen. Unter den alten Säulengängen vor dem Löwen von San Marco ballen sich Touristen zusammen.

Ein trüber, feuchter Schleier hängt über der Lagune. Schmutzfarbige Wellen schwappen hoch. An kurzen Seilen schaukeln und zerren schwarze Gondeln, als wollten sie weiter bis auf den Markusplatz wippen. Der Wasserstand am Anlegeplatz ist rasch gestiegen, in  kurzer Zeit. Bilder blitzen in der Erinnerung auf, von Überschwemmungen der Innenstadt und Gondeln auf dem weiten Markusplatz.

Nachts wache ich auf, gehe vor das Zelt und entdecke einen atemberaubenden Sternenhimmel. Völlig frei von Dunst oder Wolken glüht ein riesiges goldgesprenkeltes, dunkelblaues Firmament in einer erhabenen schwarzen Kuppel.  Sterne in dieser Klarheit, Fülle und plastischen Leuchtkraft sieht man selten im dunstverhangenen Norden. Hier funkelt das nächtliche Firmament überdeutlich und scheint sogar magisch nähergerückt zu sein.

4.7. Mittwoch. Zeit verrinnt beim Lesen zahlreicher Zeitungen, die ein lebhaftes Bild der weiten Welt wiedergeben. Die Fülle der Ereignisse ist für den Einzelnen unerreichbar und erscheint in dieser sommerlichen Stille fern und fremd.
Auf einer befestigten Landzunge spritzen weiße Meereswellen hoch an betonierten Wellenbrechern. Fischerboote werfen ganz in der Nähe motorgesteuerte  Fangnetze aus.
Nachmittags besuchen wir wieder den Strand und kosten beim Blick auf den weiten Ozean den letzten Urlaubstag am Mittelmeer aus.  

05.07. Donnerstag.  Schon um 5.30 Uhr beginnen wir mit dem Abbau des großen Zelts. Das Auto packen wir randvoll, auch den Dachgepäckträger. Dann zockeln wir durch morgenstille Zelte zur Hauptstraße. Autos  sind kaum unterwegs.
Friedliche Stille liegt über der zersiedelten Landschaft, mit den Resten unberührter Natur und groben Narben planloser Bebauung.  Riesige Reklametafeln schreien in den Morgen hinein. An einer verschlafenen Tankstelle halten wir. Neugierig starrt der Tankwart auf den kräftigen 70-PS-Motor des nicht mehr so taufrischen VW Golf.
Die Nachbarstadt Mestre zieht vorbei. Kolossale Industriekulissenmit Schornsteinen und grauen Kastenbauten beherrschen das Panorama. Der magische Traum Venedigs ist jetzt nur noch ein Teil der Erinnerung.

Dort, wo Schilder den Gardasee ankündigen, erwarten uns die archaischen, grauen Bergmassive der Dolomiten. Milchiger Dunst verwischt die schroffen Gipfel, verstärkt sich zum Wetterumschwung mit einem trübe bedecktem Himmel.
Im Radio schwatzen hektische Telefon-Interviews mit Zuhörern. Sie quasseln über die Eigenarten und Vorurteile zwischen Burgenländern, Steirern, Oberösterreichern, Wienern und so weiter. Zänkische Stimmen eifernder Zeitgenossen. Der Himmel wird noch grauer und düsterer.

An der Grenze  lauert eine Dreiergruppe grünuniformierter Zöllner mit bohrendemem Blick, "Geben Sie alles Mitgebrachte an, auch wenn Sie meinen, daß es nicht zu verzollen ist."
"Wir haben nur Campingsachen." Ungläubig reißt einer die Augen auf, "Was?! Na, dann fahren Sie mal rechts hinter die Ecke und rückwärts in die Halle hinein."
Vor zwei Uniformierten müssen wir alles auspacken und sämtlichen Kleinkram auseinanderzerren.   Die Zöllner wühlen sich langsam durch unser sorgsam zusammengefaltetes, ineinander verschachteltes Gepäck. Koffer, Taschen, Tüten, Zeltstangen, Campingplanen. Am Ende lassen sie uns mit dem ganzen Durcheinander allein und wünschen freundlich eine Gute Reise.  

Als wir Münchens Außenbezirke erreichen, meldet sich im Autoradio der Bayerische Rundfunk mit einer Reportage direkt von unserem Ziel, dem Campingplatz Thalkirchen. Vor Rundfunkmikrophonen klagen durchnässte und verfrorene Zeitgenossen ihr Leid über Regenschauer und Kälte der letzten Tage. Tropfender Regen trieft in nasse Zelten. Deutschland hat uns wieder.
Als wir endlich durch die Einfahrt des Lagers rauschen, steht der Übertragungswagen immer noch da. Die bekannte Reporterin Anneliese Fleyenschmidt schaut verborgen hinter einer großen dunklen Brille, mit unbewegter Miene über die zahllosen bunten Zelte unter einem grauem Regenhimmel.
Wir bauen unser tragbares Urlaubsheim auf. Endlich steht das große Zelt. In München ist zur Zeit Deutscher Katholikentag.  Der Marienplatz ist überfüllt mit jungen Menschen.
In der Leopoldstraße speisen wir in einem modern ausgestatteten Speiselokal. Das Bier schmeckt überraschenderweise mies und wässerig.  
Gegenüber ist das Café Extrablatt. Dort betrachten wir mit Vergnügen das extravagante Publikum.

6.7. Freitag. Gärtnerplatztheater. Mozarts Don Giovanni steht auf dem Programm. Die Sitzreihe vor uns füllt eine unruhige Schulklasse mit ihrem Lehrer.  
Als Mozarts Musik beginnt, fangen sie an zu kichern.  Die ersten Arien entlocken ihnen prustendes Gelächter. Sie stoßen sich höhnisch an. Nur ein einzelner Junge sitzt stocksteif, ernst mitten unter ihnen und lauscht kerzengerade der Musik. Neben  ihm schläft einer ein.
Wir sitzen weit  hinten, unter dem ersten Balkon. Man sieht dort zwar einigermaßen, doch ein guter Teil der Musik kommt nur dumpf an und ist unterwegs hängengeblieben an der pompösen barocken Innenarchitektur.
Die Inszienierung prunkt mit goldenen Leuchtern und bunten, aufwendigen Landschafts-Tableaus. Doch die unheimliche, dämonische und zerrissene Atmosphäre von Mozarts Oper entfaltet sich nicht.  Langeweile kommt auf. In der Pause gehen wir.  

7.7.84. Samstag. Im Kino schauen wir Hitchcocks „Vertigo“. Ein rätselhafter Film, der vor zwanzig Jahren aus den Kinos verschwand und bis jetzt, zur Wiederaufführung, nur als verzauberter Mythos in der Erinnerung lebte.  
Im Café Extrablatt sind heute unter den zahlreichen Gästen zwei schrille Nutten in männlicher Begleitung. Ein schwarzhaariges Mädchen, mit einem  Schlitz bis zur Hüfte im weißen Leinenrock, gerät in heftigen Streit mit ihrem farbigen Begleiter. Sie kreischt wirr herum und nörgelt.  Als er sie streng bändigen will, knallt  sie ihm unter lauten Beschimpfungen eine saftige Ohrfeige ins Gesicht.  Der Kellner eilt heran und will den Farbigen hinausschmeissen. Doch der drückt das Mädchen leise murmelnd auf den Stuhl und zischt ihr drohende Bemerkungen zu. Zornig malt er ein unsichtbares großes Kreuz mit seinem Zeigefinger auf die rotweiß karierte Tischdecke.

8.7. Sonntag. Früh um 7.30 Uhr brechen wir auf zum Schloss Neuschwanstein. Sommergrüne Landschaften brausen vorbei. Das prächtige Panorama der schneebedeckten Alpen nähert sich.
Kurz vor Garmisch-Partenkirchen verlassen wir die Autobahn. Eine kurvenreiche Passfahrt trägt uns weiter. Ringsum blitzt und funkelt sattes grünes Laub.
Dann folgt wieder weites offenes Land. Oberammergau. Gerade ist Festspielzeit. Doch frühmorgens ist der Ort noch nicht vom Trubel der Touristen erfüllt.  
Die malerische Allgäuer Landschaft zieht vorbei. Dann erscheint am Horizont im Mittagsdunst das berühmte Schloß des Bayernkönigs, zunächst nur als  ferner grauer Fleck am dunstigen Berghang.  
Den Ortsrand von Schwangau erleben wir als Ansammlung von Souvenirständen und Busparkplätzen. Überall sind Amerikaner.  Die Gäste aus Übersee treten geballt auf, mit karierten Hosen und  Namensschildern zum gegenseitigen Wiederfinden.

Ein Pendelbus trägt uns langsam auf schmaler Straße den Berg hoch. Durch dichtes grünes Laub blitzt von tief unten der königsblaue Mondsee. Vorfreude verstärkt sich. Eine weihevolle Stimmung kurz vor dem Ziel, dem weltberühmten Märchenschloß.
Die letzten hundert Meter geht es zu Fuß weiter. Vom Schloss sieht man zuerst steile weiße Außenmauern und ein paar rote Turmspitzen. Der verschnörkelte Zuckerbäckerstil ist nur in Ausschnitten sichtbar.
Im Schlosshof sammeln sich hektische Reisegruppen. Allein darf man nicht hinein. Ergeben warten wir umdrängt in einem Menschengewühl, bis eine freundliche junge Dame die Türen öffnet.
Mit deutlicher Stimme erklärt sie prägnant und klar die einzelnen Prunkräume. Vor uns breitet sich die Traumwelt des bayerischen Märchenkönigs aus. Farbige Wandgemälde und Gobelins mit Bildern aus alten Sagen.  Vor allem Motive aus der geistigen Nähe zu Wagners Musikdramen.  Lohengrin mit dem Schwan, auch Siegfrieds Drache und Tannhäusers Sängersaal. Im prunkvollen Thronsaal fehlt der Thron, weil  beim Tod Ludwigs II. alle Bauarbeiten abgebrochen wurden. Durch schmale Fenster schaut man weit in Berge und Schluchten.
Draußen, mitten auf dem Pfad ins Tal steht ein alter grauer Rauschebart. Im grünen Wams mit knielanger Lederhose  jodelt  er laut  in die Landschaft hinein.
Durch reife Getreidefelder und liebliche Allgäuer Dörfer geht die Fahrt zurück.

In Starnberg, von der Terrasse eines Strandfreibads, schauen wir über die große Wasserfläche des Sees, der in blauglitzernder Sommerhitze auch am Horizont nicht zu enden scheint. Am gegenüberliegenden Ufer ertrank 1886 im flachen Wasser, unter ungeklärten Umständen, der träumerische Märchenkönig.
Die Schönheit Bayerns und der Münchner Umgebung wird wieder  schmerzhaft bewusst, die wir bald verlassen müssen. Hier zu leben...  

München. Am Chinesischen Turm, unter dichtgedrängten Menschenmassen, verbringen wir den strahlenden Sonntagnachmittag unter schwerem alten Kastanienlaub. Durch die Nachmittagsluft dröhnt ein Blasorchester.
Vor der Menschenmenge posiert ein älterer, violett gekleideter Transvestit mit dickfaltigem, weißgeschminkten Gesicht und verschwitzter blonder Perücke. Er beginnt grinsend, ungeschickt zu tanzen.  Ein auffälliger junger Mann mit einer kleinen Schmalfilmkamera filmt ihn. Die Szene hat etwas jammervoll Peinliches an sich.

Am Nebentisch hat eine laute Clique Münchner Schauspieler Platz genommen. Als einzige Frau dabei ist ein prominenter Filmstar der Fünfziger Jahre. Sie ist sichtlich alt geworden, durch Alkoholexzesse und privates Elend äußerlich verschlissen.  Enthemmt tobt und kreischt sie mit ihren Begleitern herum. Doch in einem stillen Moment kommt ein trauriger, verbitterter Ausdruck zum Vorschein. Als alle gehen, trinkt sie noch mit einem langen, gierigen Schluck den Maßkrug ihres Begleiters leer.

Im Café Extrablatt ist es wegen der drückenden Schwüle fast menschenleer. Schwitzend führen wir ein bilderreiches Gespräch über den bayerischen Märchenkönig, seine selbstzerstörerische Weltfremdheit und die Märchen-Magie des Realisten Richard Wagner.
Ein Mensch strahlt mehr aus und empfängt auch mehr als nur die sichtbare Realität. Doch entfernt die Phantasie sich zu weit von der Wirklichkeit, folgen Schmerz und Schläge der Außenwelt.

9.7.84. Montag. Die Münchner Lokalzeitungen schwelgen täglich von rauschenden Parties der Schickeria. Am laufenden Band treffen sich die Selbstdarsteller von Film, Fernsehen und Gesellschaft zu feuchtfröhlichen Abenden im Blitzlichtgewitter.  
Leopoldstraße. Gegenüber der Universitäts-Mensa stehen Schwabinger Künstler mit Ölbildern und grobem Kunsthandwerk eng  nebeneinander auf dem Gehweg. Selbst wüster Kitsch ist teuer.
Ein paar prächtige Ölgemälde gibt es allerdings recht günstig. Ein Maler schimpft "Das ist viel mehr wert. Aber die Leute haben in Italien ihr ganzes Geld gelassen, das eigentlich mir zusteht," bekräftigt er augenrollend.

11.7. Mittwoch. Im Englischen Garten, auf den heißen Sommerwiesen am weißen Säulentempel des Monopteros, liegen Scharen nackter junger Menschen am Ufer des Eisbachs. Anscheinend Studenten der nahen Universität.
Abends im Gärtnerplatztheater. „Figaros Hochzart". Als wir im allerobersten Seitenrang Platz nehmen, sind wir steil über dem Parkett. Man sieht man kaum etwas von der Bühne. Sogar die Musik kommt nur mäßig an. Das Orchester ist allzu weit weg. Erneut gehen wir in der Pause.  
Wir überlegen, ob wir noch langer in München bleiben sollen, entschließen uns aber doch für die Abreise am nächsten Morgen.

12.7.84. Donnerstag. In aller Frühe bauen wir mühselig das Zelt ab. Kaum bekommt man die Heringe aus dem harten Steinboden wieder heraus. Nach langen Stunden, auf monotonen Autobahnen, kehren wir nach Münster zurück.
Dabei haben wir mächtiges Glück gehabt.  
Denn abends melden die Fernsehnachrichten einen zerstörerischen Hagelschlag in München.

Um 19.00 Uhr, nach Tagen extremer Hitze, entlud sich ohne Vorwarnung über der bayerischen Hauptstadt ein katastrophaler Hagelschlag, mit taubeneiergroßen Hagelkörnern.
Autos wurden zertrümmert, Menschen im Freien verletzt. Im Tierpark Hellabrunn, gegenüber vom Campingplatz, wurden Tiere im Freigehege erschlagen. Hätten wir uns noch einen Tag länger dort aufgehalten, wären unser Auto und das Zelt nur noch eine  Trümmerlandschaft.
Sturm in Venedig. Hagel in München.
Dann wieder Münster, mit Betonwüsten aus Wohnhäusern am Stadtrand. Und die Gleichförmigkeiten des Alltags.

"Thalkirchen 1985"



 
 
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü