Kirchentag 2010 - Im Schatten der spiegelnden Seen

Suchen
Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü

Kirchentag 2010

Episoden > Lebensabschnitte > München > Münchner Notizen


Kirchentag 2010


16.6.2010. Seit Mittwoch schallt und klingt die Münchner Innenstadt, beim ökumenischen Kirchentag mit 300.000 zusätzlichen Menschen im Gedränge, das selbst für großstädtische Verhältnisse heftige Ausmaße annimmt.

Man hört schmetternde Posaunen, feierliche Choräle, wo man sie niemals vermutet hätte. Vor den Gemüseständen des Viktualienmarkts. In der öden Fahrkartenhalle des Hauptbahnhofs.

Fromme Gruppen singen am verkehrsreichen Stachus, vor der Feldherrnhalle am Odeonsplatz, zwischen dem Gedränge der Fotoapparate und Einkaufstüten am Marienplatz.
Auf großen Freiluftbühnen hopsen und klatschen junge Leute in Freizeitklamotten zu fetzigen Schlagermelodien mit kirchlichen Texten. Animateure aus Gemeindevereinen heizen am Mikrofon mit flotten Sprüchen die Stimmung der Passanten an. „Zu modern“, murren ältere Leute. Aber das Herumtoben geht natürlich weiter.

Der alltägliche Großstadtlärm steigert sich bis zum überdrehten Burn-Out. Nicht nur hier.
Auch das herbstliche Oktoberfest ist längst atmosphärisch umgekippt und wegen der Menschenmassen bereits nachmittags nicht mehr erträglich.

Die Farbe des Kirchentages ist ausgerechnet ein quietschendes Orange, auf Mützen, Mänteln, Schals und Taschen. In der Innenstadt kann man dieser Farbe nicht entrinnen, in den Modegeschäften, Kaufhäusern und auch nicht in versteckten Cafés in stillen Seitenstraßen. Überall wogt es orange.

Mit innerer Beschaulichkeit und Meditation hat das gar nichts mehr zu tun.
Rastlosigkeit statt innerer Einkehr, Meditation, Besinnung.

Natürlich kann man dem Trubel sehr schnell entkommen, wenn man einfach den Altstadtring verlässt oder dreißig Minuten fährt, ins Hochgebirge.
Aber was soll der viertägige Massenauflauf überhaupt? Das Gedränge erzeugt kein Gemeinschaftsgefühl. Die angereiste Gemeinde zieht tagsüber lieber zum Shoppen durch die Einkaufstraßen, zeigt die orangefarbenen Klamotten oder bejubelt Kirchenfürsten wie Medienstars.

Wäre da nicht die Musik.
Religiöse Rituale waren schon in frühesten Zeiten verbunden mit Gesang und Tanz. Trommeln und Flötenspiel heizten die Emotionen an, Phantasie und Ideen.
Das sind Urkräfte aus längst vergangenen Zeiten. Musik, Geräusche, Donnergrollen, der Gesang der Ozeane, Vogellaute. All das gab es schon längst vor Entwicklung der menschlichen Sprache, und als archaisches Erbe sind Klänge immer noch hoch wirksam, lösen Gefühle aus, Freude, Trauer, Angst.

Auch die zehn monumentalen Wagnerwerke haben mystischen, transzendenten Charakter.
Aber im Zeitalter der elektronischen Medien quält immer mehr eine akustische und optische Vermüllung – genauso wie eine verbale Vermüllung, die auf nichts mehr Rücksicht nimmt.
Wäre da nicht die Musik,
die ewige Quelle des göttlichen Lichts.

 
 
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü