Jordanien 1978 - Im Schatten der spiegelnden Seen

Suchen
Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü

Jordanien 1978

Episoden > Reisen, Ausflüge > Andere Kontinente


Jordanien 1978

(Auszug, 15.1.2013)  

 

Das ist schon lange her.
Es war lehrreich, abenteuerlich und wurde danach niemals mehr wiederholt.

09.10.1978. Montag. Vier Uhr früh weckt uns der Muezzin mit Lautsprecherstimme aus dem Minarett hoch über uns.  Die Nähe von Ankara spüren wir am wieder einsetzenden wilden Durcheinander mordlustiger Benzinkutschen. Vollbesetzte Busse preschen mit hundertzwanzig Stundenkilometern zwischen entfesselte kleine Blechkisten.  Zweimal rast ein Bus auf unserer Fahrbahnseite geradewegs auf uns zu. Da er einfach nicht auf seine Fahrbahn zurückkehrt, hilft nur die Flucht auf den unbefestigten Straßenrand, wo unsere Autos donnernd über große Straßensteine knallen.  

Die Straße ist schnurgerade bis zum undeutlichen Horizont und durchschneidet eine riesige menschenleere Ebene.  Ganz langsam,  stundenlang, baut sich eine atemberaubende, gewaltige Bergkette vor uns auf: Der Taurus. 3.500 m hoch.  
Naiv hoffen wir, daß eine flache Straße durch ein niedriges Tal oder eine Schlucht kommt und uns problemlos durch die schroffen, gigantischen Felsmassen fahren läßt.  
Zu Füßen des immer größer auftauchenden Felsenwalls halten wir.  Ein junger türkischer Lastwagenfahrer hockt schweigend neben seinem mit farbigen Glühbirnen und glänzenden Bändern liebevoll geschmückten Auto.  Einen Halbkreis dicker Steine hat er einfach auf die Fahrbahn rings um seinen Wagen herum gelegt, um den Gegenverkehr unmißverständlich auf Distanz zu halten. Auf englisch frage ich nach der nächsten Tankstelle.  Er antwortet in fließendem Deutsch. Wo wir herkommen, hat er jahrelang gearbeitet.

Die Landschaft steigt rasch an.  Zwischen steilen Felsen entdecken wir eine Idylle. Gemütliche Holzbänke mit Tischen und stimmungsvollem Holzgeflecht.  Kein Mensch ist weit und breit. Auf den Tischen erhitzen wir Wasser für Kaffee und Tee mit dem kleinen Gaskocher, speisen heiter und gutgelaunt. Pausenlos bedrängen uns Mückenschwärme.  Lebhaft hüpfen die Kanarienvögel in ihren Käfigen.  Neben uns schlängelt sich ein glitzernder Bach durch die tiefe Schlucht.  Aus dem Schatten hier im Tal sehen wir  ferne mächtige Bergspitzen im gleißenden Sonnenschein.

Rasch steigt die Straße steil an. Auf der zweispurigen Fahrbahn kämpfen sich wieder Autos rücksichtslos dicht am Abgrund entlang: Der Verkehr stockt. Sie haben ein Auto von der Straße geschubst. Kopfüber ist es zehn Meter tief gefallen.  Mehrere Männer bemühen sich, den Wagen aufzurichten.  Sprachlos starr steht eine Frau daneben und reibt sich mechanisch ein Knie. Andere Verletzte sieht man nicht.   Männer  sind aus mehreren Lastwagen zu Hilfe gekommen, die sich jetzt führerlos hintereinander auf der Gegenfahrbahn stauen.  Erschrocken gleiten wir eilig vorbei. An der Unfallstelle beginnt sich der Verkehr auf der schmalen Fahrbahn endlos zu stauen.

Die Bergfahrt wird immer wilder und tückischer.  Scharfe Steigungen. Rabiate Kurven.  Chaotische, rücksichtslose Personenwagen. In der viel zu schmalen, nur zweispurigen Fahrbahn drängeln sich die Autos rücksichtslos und angriffslustig aneinander vorbei. Zäh im Schrittempo hochkriechende, durchgerostete Lastwagen hämmern auf die Nerven.  Atemlos kriechen wir im ersten Gang hinter lahmen Lastwagen her, starren rumpelnd schaudernd in den ungesicherten Abgrund. In der Tiefe sind Spuren einer neuen, halbfertigen Autobahn zu erkennen.  Angsterfüllt überhole ich ein paar uralte, trottende Fahrzeuge und rette mich im letzten Moment vor dem aus scharfen Kurven hervorbrechenden Gegenverkehr.

Mansours weißer Caravan bleibt immer mehr zurück und verschwindet.  Beunruhigt halte ich am Straßenrand zwischen Geröll und großen Steinen.  Eine Viertelstunde vergeht nervensägend.  Ali drängt hysterisch, "Wir müssen zurück." "Noch fünf Minuten." Doch da schlängelt sich der weiße Caravan heran und hält neben uns auf der Geröllpiste.

Über den Bergspitzen wird das grelle Licht rasch immer  schwächer. "Wir müssen weg hier, bevor die Nacht konmt." Alle nicken.  Im Dunkeln will keiner auf diesem schrecklichen Berg fahren.  Nach einer langen Fahrt geht es endlich unmerklich bergab.  Scharf bremse ich, weil das zweite Auto wieder weg ist.  Da taucht im gleichen Moment vorn ein Traktor auf, der im Dunkeln ohne Licht mitten auf der Straße fährt, erst im letzten Moment erkennbar.  
Um Mansour zu warnen, überhole ich diesen mörderischen, lichtlosen Traktor nicht.  Der Fahrer wird nervös und dreht sich immer wieder um, als ich im Schrittempo neben ihm herfahre.  Verstört weicht er auf den Seitenstreifen aus und fährt dort im Dunkeln weiter.  Als endlich Mansours weißer Caravan hinter uns auftaucht, schalte ich kurz das Warnblinklicht ein.
Unbeleuchtete Traktoren, Lastwagen und Viehherden tauchen bei der  Weiterfahrt immer wieder schlagartig, unbeleuchtet auf, mitten auf der Straße in der finsteren Nacht.
Atemlos halten wir am Straßenrand in Tarsus.  Erheblich Wasser und Öl haben die Autos verloren. Mit einem wilden Schimpfkonzert kommentieren wir den ungerührt vorbeistürmenden Verkehr.  Quietschend bremsen vollbesetzte Busse, nehmen eilig neue Fahrgäste mit und stürzen sich rasend in das chaotische Verkehrsgewühl.  Gegen den hellen Nachthimmel hebt sich drohend undeutlich der gerade überstandene schreckliche Berg ab.

Erschöpft folgen wir den Schildern zum Zentrum von Tarsus, um einen sicheren Platz für die Nacht zu finden.  Ein Marktplatz mit einer bunten Galerie von hellerleuchteten Obstständen verheißt Sicherheit.  Erleichtert steigen wir aus.  
Da erlischt schlagartig sämtliches Licht in der Stadt. Anscheinend ein Stromausfall. In verwirrter Panik fliehen wir.  Vor unseren Scheinwerfern hasten   Scharen von Menschen in der völligen Finsternis kreuz und quer über die Straße.  Wild hupen wir, als ein Hund gemächlich uns vor die Räder trottet.
Am Stadtrand flucht Mansour, "Wenn ich hier einen überfahre, ist er selbst schuld." Angesichts der finsteren Umgebung, durch die sich schemenhafte Gestalten bewegen, beschließen wir, von diesem unheimlichen Ort schnell weiter zu fahren nach Adana.
Der wahnsinnige Gegenverkehr braust mit zu hoch eingestellten Scheinwerfern heran.  Viele Autofahrer lassen ungerührt das grelle Fernlicht an, das uns geblendet durch weiße Lichtbalken in die schwarze Finsternis hetzt.

Im Schein schwacher Straßenlampen merken wir überraschend, dass bereits der Ortsausgang von Adana vorbeigleitet. Die Stadt ist in fast völliger Dunkelheit vorbeigerauscht.  Wir drängen weiter auf der Suche nach einem hellerleuchteten, sicheren Marktplatz.
Eine rötliche Neongabel glimmt hinter dem Dorf Ceyhan. Darunter lockt ein ganz schwach beleuchtetes Schild "Tirana - Camping". Ein Rastplatz für Lastwagen.  
Wir fahren auf einen großen, drahtumzäunten Platz.  Im Dunkeln stehen Lastwagen aus  vielen  Ländern.  Die Fahrer schlafen im Führerhaus oder sitzen schlaflos unter den dürren Bäumen eines kleinen Gartenrestaurants.  
Ein  uniformierter, freundlicher Alter kassiert Parkgebühr.  Ein paar junge Leute zeigen uns freundlich das Lager.  "Das  sind Kurden, keine Türken," flüstert Mansour.  
In dieser gut bewachten Umgebung mit vielen Fernfahrern fühlen wir uns sicher.  

Die Ankunft

11.10.1978.Endlich stürmen die Autos auf der nächtlichen Landstraße in das Innere von Jordanien hinein. Unser Ziel nähert sich. Eine erleichterte Hochstimmung breitet sich aus, als große Straßenschilder nach Amman weisen.  
In der Nähe von Jerash erwartet uns kräftig aufsteigendes und abfallendes Hochland mit zahlreichen Kurven.  In der Finsternis geraten wir überraschend in eine nächtliche Straßensperre.  Doch die Polizisten halten uns nur kurz auf, für eine Passkontrolle.
Die Tachonadel tanzt wild.  Im Auf und Ab der welligen Landschaft, durch pausenlose scharfe Kurven zu langsamer Gangart gezwungen, beginnt der Motor misstönend, laut zu klappern.  Besorgt halte ich mitten in der Auffahrt auf einen steilen Hügel am Straßenrand.  Große Steinbrocken liegen herum.

Mansour steigt aus.  Doch er hat die Handbremse nicht fest angezogen.  Der vollbepackte Caravan mit Ashira rollt langsam rückwärts in Richtung des steilen Abgrunds.  Blindling stürzt Mansour hinter dem schneller werdenden Auto her.  Da - ein lauter Knall.  
Krachend prallen die Hinterräder auf einen großen Stein.  Das Auto steht still.  Nur zwei Meter vor dem ungesicherten Abgrund. Blitzschnell reißt Mansour die Tür auf und wuchtet mit Macht die Handbremse hoch.  Ashira weint angstvoll.  Ali krakeelt vorwurfsvollen Blödsinn.  
Erleichtert will ich mit Mansour eine technische Kontrolle und die weitere Fahrt besprechen. Doch ungerührt brabbelt Ali aufdringlich dazwischen. Schimpfend lasse ich sie alle stehen.  
Mansour brüllt seinen Bruder an, "Dich lasse ich hier in der Nacht zurück." "Komm. Gib meinen Pass.  Ich bleibe hier," keift Ali lautstark zurück.
Allmählich beruhigen sich alle.  Vom Straßenrand schaut man in ein tiefes Wadi, ein vom Mondlicht bleich erhelltes baumloses, hügeliges Felsental. Mit quietschenden Bremsen halten zweimal Autos,  aus denen man uns zuruft, ob wir Hilfe brauchen.  Die hilfsbereiten Insassen   erzählen,   daß wir nur noch dreißig Kilometer von Amman entfernt sind.   Die wilde Berg- und Talfahrt soll  nur noch zwanzig Kilometer dauern.
Aufgeregt, aber erschöpft klappen wir die leicht abgekühlten Motorhauben zu und brummen den Berg weiter hoch.  Schon nach wenigen Kilometern geht es überraschend nur noch bergab.  Tiefer und tiefer neigt sich die Straße.  Da nehme ich den Gang heraus und lasse das Auto einfach abwärts rollen.  
Seitwärts glühen die Lichter einer großen  Stadt.  Amman rückt immer näher.
Wieder klappern die alten Motoren durchdringend, unwillig. Fröhlich halten wir in einem Tal am Straßenrand und lassen sie abkühlen.  Begeistert lauschen wir dem klaren Sender von Radio Amman. Lachend drehen sie an den Knöpfen, "Das ist Radio Israel." Westliche Top-Hits hämmern in die Nacht.

Schließlich bringt uns eine mehrspurige Autobahn  mitten  in das  Stadtzentrum.  Ali zeigt aufgeregt aus dem Fenster, "Da - in der Schule habe ich lange gelernt."
Wir verfahren uns noch einmal. Aber Insassen eines parkenden Autos weisen uns endlich den richtigen Weg, zum Palästinenserlager El Wahdat.  Ich schlingere mühsam auf der unebenen Straße, zum jetzt ersten Mal, Mansours  weißem Caravan hinterher.  Auf den extrem steilen Steigungen scheppern die Motoren wieder altersschwach.  Anscheinend sind sie kurz davor, endgültig den Geist aufzugeben.  

Mansour fragt ein paar Anstreicher nach unserem Ziel.  "Noch fünfhundert Meter".  So nah!  Hinter uns glitzern mit tausend Lichtern die Hügel der Großstadt Amman unter dem sternenklaren Nachthimmel.  "Schön", ruft Ashira hingerissen.
Schweigend biegen wir in die engen Gassen des Palästinenserlagers ein.  Niedrige, eingeschossige weiße Häuser drängen sich eng aneinander.
Mansour schaltet den Motor aus.  Wir sind am Ziel. Ali eilt voraus, in eine dunkle, spitz sich verengende Gasse. Ashira erklärt, "Er sagt den Eltern Bescheid.  Wenn wir unvorbereitet kommen, kann es sein, daß ihr Herz stehenbleibt." Dann öffnen wir ein kleines Tor.

Die Mutter steht mitten im Hof und umarmt weinend Mansour, "Yah habibi - mein Liebster." Neun Jahre lang hat sie ihn nicht gesehen.  Er flüstert, "Weine nicht.  Freu dich." Eine seiner Schwestern weckt die anderen Kinder, die schlafend unter großen Decken auf dem Hof liegen, "Mansour ist zurück".  Die Mutter umarmt jetzt Mansours Frau. Ein Kind läuft nach draußen, um den Vater zu holen, der noch bei Nachbarn ist.  
Im peinlich sauberen Wohnzimmer warte ich, wie sich der Hof mit immer mehr Besuchern füllt.  Eine Frau mit großem weißem Kopftuch stößt gellende Schreie aus und umkrallt die Heimkehrer.  
Mit schwarzweißkariertem Kopftuch erscheint der Vater. Lächelnd küsst er seine beiden Söhne und Ashira auf beide Wangen.
Jetzt strömen alle Männer in das Wohnzimmer und bilden einen großen Kreis.  Getrennt für sich, sitzen die Frauen draußen im Hof, in einem zweiten Kreis.  Arabisches Stiminengewirr braust auf.  Von der Couch gegenüber spricht mich ein etwa dreißigjähriger Mann auf deutsch an. Adnan  war vor Jahren Taxifahrer in Deutschland und hat auch schon die wilde Autofahrt durch die Türkei hinter sich.
Nach ausführlichem Palaver strömen alle nach draußen, um beim Entladen der Autos zu helfen.  Alles wird abgeräumt und verschwindet, von vielen Händen getragen, im Haus. Mahmoud, der Taxifahrer fährt unsere Autos schließlich zentimetergenau dicht an eine Häuserwand.
Es ist kurz vor Mitternacht.  Zu spät für ein Hotel. Trotz drangvoller Enge bietet man mir das Wohnzimmer als Einzelschlafraum an.  Nach längeren Diskussionen gebe ich nach.  Mahmoud drängt die anderen zu  gehen, weil wir übermüdet seien.
Todmüde krieche ich auf der Wohnzimmercouch unter eine bunte Wolldecke und schlafe sofort traumlos ein.
_______________________________

Diese Fahrt geschah auf eigene Faust, ohne Beteiligung eines Reisebüros. Mit täglichen Überraschungen und unerwarteten Begegnungen.

Das waren nur kurze Auszüge eines längeren Reiseberichts.
Ohne das Aufschreiben der Erlebnisse kurz nach dem Ende der Fahrt wäre alles wohl längst halb vergessen.
Liest man es nach einer längeren Unterbrechung wieder, werden die Ereignisse auf einmal wieder lebendig und füllen sich mit Details, deren Zusammenhänge damals noch nicht erkennbar waren.

Die Stationen:

1978__ ____________________________________

04.10.  Aufbruch mit zwei Autos
05.10.  Großglockner
06.10.  Jugoslawien. Zagreb. Belgrad.
07.10.  Bulgarien. Sofia. Plovdiv. Türkei. Edirne.
08.10.  Istanbul
09.10.  Ankara. Taurus. Adana.
10.10.  Iskenderun. Antakya. Reyhanli. Syrien. Hama. Homs.
11.10.  Damaskus. Jordanien. Amman.
12.10.  El Wahdat
13.10.  Amphitheater
14.10.  Das Tote Meer
15.10.  Spaziergänge in Amman
16.10.  Frankfurt

Hier gibt es noch weitere Reisen, Auflüge und Wanderungen.

Hier geht es zurück zur Artikelserie

"Alte Briefe"


 
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü