Hortense Calisher - Im Schatten der spiegelnden Seen

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Hortense Calisher

Enigma 1 - 10 > 1. Kapitel: Planet Alpha, Teil 1 > 6. Die Lücken des Universums


Hortense Calisher

9.1.2013. Ein rätselhaftes Zeichen mit erheblicher Tiefenwirkung ist eine Erzählung, die eine verstörende und eindringliche Wirkung hat:
Hortense Calisher, „Ein Kranz für Miss Totten“.
Die amerikanische Autorin wurde geboren am 20.12.1911 in New York. Studium am Barnard College 1932.  In einer klaren, ruhigen Sprache beschreibt sie in ihrer Erzählung von 1951 eine Erinnerung aus ihrer Schulzeit.
Darin porträtiert sie neben vielen auffälligen, lebhaften Charakteren ihrer Schulzeit eine einzelne Lehrerin, die die Unterrichtspausen immer allein verbringt und von den anderen nicht weiter beachtet wird.
Dann kommt in die Klasse ein sprachbehindertes Mädchen mit dem Spitznamen „Mooley“, dem niemand hilft. Als dieses Mädchen von einer anderen Schülerin gehänselt wird, gibt die Lehrerin ihr behutsam Sprechunterricht, ohne davon irgendein Aufheben zu machen. Die Autorin selbst bekommt diese unbemerkte Hilfe nur durch einen Zufall mit. Als sie nach dem allgemeinen Unterricht einmal Bücher vergessen hat, überrascht sie im Klassenzimmer die Lehrerin und das Kind bei Sprechübungen.
Beim nächsten Besuchertag in der Schule kann „Mooley“ plötzlich zum erstenmal sprechen. Noch im gleichen Jahr stirbt die Lehrerin, nach vierzig Jahren im Schuldienst, fast unbeachtet und auch von den Schülern bald vergessen.

Die Autorin nennt dieses Erlebnis aus ihrer Volksschulzeit „ein Urbild“. Ihre Heldin, eine gebildete Frau, die ganz unauffällig ihre Tage verbringt, ist wie ein  Mensch im Schatten, dessen Taten niemand wahrnimmt und der im Dunkeln lautlos wieder vergeht.
Diese symbolische Handlung enthält die Erkenntnis: Im Trubel des lauten, auffällig glitzernden Lebens, das mit einer Überfülle bunter Bilder vorbeiströmt, werden starke, wirksame Kräfte nicht beachtet: Das unbeachtete Leid. Genauso auch die unauffällige Hilfe.

So kam diese Geschichte damals bei mir an, als fünfzehnjährigem Schüler in einer schwierigen Entwicklungsphase. Der ernste Nachhall dieser Erzählung versenkte sich tief in das Gedächtnis und wurde ein untergründiger Teil des Denkens, obwohl die Geschichte selbst jahrelang im Unterbewusstsein verschwand und nur gelegentlich wieder wie ein dunkler Schatten auftauchte.
Sie erinnert an die wehmütigen Bilder Edward Hoppers, in denen Menschen in leeren, bunten Landschaften schweigend aneinander vorbeischauen.

Die Erzählung erschien 1951, nach dem Zweiten Weltkrieg und den Schrecken des Holocaust. In der Erzählung „Sunday Jews“ beschreibt Hortense Calisher zum Beispiel eine emigrierte jüdische Familie in Amerika.
In der Geschichte von „Miss Totten“ war noch etwas anderes, eigentlich sehr Hoffnungsvolles: Eine einzelne Seele, die dringend Hilfe braucht und verlacht wird. Eine zweite Kraft, die tatsächlich eingreift und stark genug ist, in die Bewegungen des Schicksals einzugreifen und eine Wende auszulösen. Beide blieben unauffällig, still, unbeachtet. Die Reaktion der Mitmenschen ist Gleichgültigkeit.
Den belebenden, ermutigenden Aspekt dieser Erzählung  nahm ich damals weniger stark wahr.
Doch die Bilder dieser Geschichte drangen tief in das Unterbewusstsein ein und ergriffen Besitz vom Alltag, auch wenn sie über einen langen Zeitraum unsichtbar, unbemerkt blieben. Zum Ende der Schulzeit verstärkte sich die innere Distanz, zu den Schulkameraden, aber auch zur Familie.
In Hortense Calishers Erzählung hätte dem hilflosen Mädchen „Mooley“ ohne das Eingreifen dieser einzelnen Lehrerin wohl niemand mehr geholfen. Es hätte weiteren Schaden genommen, seine Entwicklung wäre sehr fraglich gewesen.

Die große Kunst verwendet auch symbolische, allegorische Mittel. Metaphern. Visionen. Chiffren. Lösungsworte, deren Bedeutung nur für Eingeweihte verständlich ist. Oder für Leute, die zu Erkenntnissen kommen.
Wirklich begriffen habe ich diese Geschichte, deren Bilder nie losließen, erst über drei Jahrzehnte später. Nach einem Zeitraum, der den großen Teil eines Menschenleben umfasst.

Hortense Calisher hat als Rahmen der Handlung ihre eigene Gedanken zu diesem frühen Schulerlebnis formuliert.
Sie beginnt mit den Worten:
„Kindern, die im Dorf aufwachsen, liefert das Land die ersten Vorstellungen vom Gefühl der Dinge. Das Land mit seinem immerwährenden Wechsel ist ständig um sie, spricht eine überzeugende Sprache, und in ihrem begrenzten Blickfeld vollziehen sich tausend winzige Dramen, Keimzellen eines späteren, größeren Gesamtbildes.
Kinder, die in der Stadt heranwachsen, in der sie nichts Größeres sehen als die Menschen, die aus U-Bahn-Schächten quellen und sich in die Straßen ergießen - diese Kinder müssen ihre Urbilder suchen, wo und wann sie sich bieten.“

Die Erzählung endet mit den Worten:
„Aber die Erinnerung setzt nach einiger Zeit ihre eigenen Akzente, läßt zum Feuilleton werden, was so gewichtig schien, und rückt in helles Licht, was wir vergessen glaubten.
Auf dem Land sehen die Kinder eines Tages den Greifenkopf des zerfleischten Fasans, und sie lernen daraus; und sie überraschen die Mantis religiosa bei ihrer tödlichen Umarmung und kommen auf Ideen.
Aber in der Stadt hebt sich der Mensch, obwohl er nicht sehr hoch zum Himmel aufragt, doch um so deutlicher von seinem Nächsten ab. Und manchmal geraten hier die Kinder, die so wenig vom Leben der Natur wissen, an jene unverlangte, freiwillige Güte, die vielleicht nur eine Verschiebung im blinden Rhythmus der Natur ist.
Und wenn sie Glück haben, bleibt es in ihrer Erinnerung haften. Denn was sie entdeckt haben, ist ihr eigenes Menschentum - mit seiner Verirrung und seiner Verklärung. Sicher ertappe ich mich deshalb manchmal dabei, daß ich zu jemandem sagen möchte: ‚Ich kannte einmal... eine Miß Elizabeth Totten..."

Heutzutage gibt es viele professionelle Hilfsangebote. aber nicht alle taugen etwas.
Bei der Bewertung hilft wieder das Dualsystem.
Auf der einen Seite stehen alte Begriffe wie Caritas - Barmherzigkeit. Amicitia - Freundschaft. Empathie - Mitgefühl.
Der Gegensatz sind falsche Freunde. Heuchelei von Gefühlen. Gier nach hohen Honoraren. Und die Unterstützung oder das Wegschauen bei negativen Machenschaften.

Die Qualität jeder Hilfe zeigt sich weder in der Bezahlung noch in Professorentiteln, sondern nur im Ergebnis, in der Wirksamkeit, auch in den helfenden und heilenden Berufen. Genauso bei reformbedürftigen, in falschen Traditionen erstarrten Institutionen.

Max Reger (1873 bis 1916) komponierte nach Bildern von Arnold Böcklin auch den "geigenden Eremiten".
Die folgenden Filmbilder zeigen einen Mönch. Außerdem sieht man einen Tempel mit goldenem Dach in einer Bergeinsamkeit.
Doch ein Eremit lebt asketisch. Deshalb passt auch der kostbare Tempel nicht zum Thema.
Max Regers Musik umkreist das Thema der Meditation, der Versenkung in das Innenleben. Dazu spielt die Violine eine überirdische, sphärenhafte Musik, wie eine Vorahnung des Paradieses.
In die heutige Sprache übersetzt, bedeutet das: Nicht die materiellen Schätze und die leiblichen Genüsse führen zur Ausgeglichenheit, sondern die Nachdenklichkeit und das Bemühen, vorhandene Probleme zu lösen und Störfaktoren beiseite zu lassen.

http://www.youtube.com/watch?v=tlOf-NFsz5
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